Dato: 26. juli 1828
Fra: Ludolph Schley   Til: H.C. Andersen
Sprog: tysk.

[Tekst fra note til Brev]

Wie aber das Ende auch seyn möge, einen Ausweg haben Sie im schlimsten Falle immer, einen, mein theurer Andersen, der Ihnen nicht entgehen kann, denn ich bin der, der ihn zu öffnen vermöchte. Ich nenne ihn heute nicht, denn nur die höchste Noth darf ihn herbeyführen, nur ein gänzliches Fehlschlagen aller Ihrer Hoffnungen in Dan­mark, - und dafür bewahre Sie der, zu dem Sie wie ich hoffe, täglich Ihre kindlichen Wünsche und Gebete richten«

Tekst fra: Helge Topsøe-Jensen

Liebau d. 26. - July 1828

Erst gestern, mein theurer herzlieber Andersen, habe ich Ihren Brief vom 19. April empfangen; denken Sie sich meinen Ärger und meinen Verdruß! Indeß ich hier in banger Sorge über Ihr Stillschweigen bin, und mich in ängstlichen Vermuthungen verliere schleppt der verdammte Schiffer einen ganzen Pack Briefe, den er in Elseneur zur Beförderung empfing, von hier nach Riga, und schickt sie mir endlich! Nachdem er sie 3 Monate mit sich herumgetragen; ich war recht aechtlich böse, denn welche Mißverständnisse hätten nicht entstehen können, wenn diese Briefe, was unter diesen Umständen sehr leicht war, verloren gegangen wären - doch fort mit der üblen Laune; ich sitze ja nun Ihnen gegenüber, dem lieben, herzlichen Freunde, - wie könnte der Unmuth Farbe halten; so will ich denn die lange Sorge vergessen, und plaudern mit Ihnen den ganzen lieben, langen Tage; ich bin es Ihnen ja schuldig, im Geiste war ich etwas böse auf Sie, - weil Sie mich so lange warten ließen, ich dachte nicht daran daß Sie mich einmal warten lassen können, nicht wahr lieber Freund? Und denke nun denn recht, wenn ich so denke? Also der heutige Tag gehört Ihnen, das will soviel sagen, ich werde ihn zubringen in der Einsamkeit meines Zimmers, an Sie schreiben, mit Ihnen plaudern / plaudern, und fröhlich und guter Dinge seyn. Welch eine herrlich erquickliche Aussicht! Wie könnte es auch anders stehn. Mir ist das Herz aufgegangen bey Ihrer milden, freundlichen Rede, wie einer Blume der Kelch im Morgenthaue, ich bin in der gemüthlichsten Stimmung, lassen Sie mich sie theilen mit Ihnen. - - Erst zur Erwiderung Ihres Briefes, und sogleich zu dem wichtigsten Puncte desselben; zu Ihrem Examen; „Ich finde es übereinstimmend mit Ihrer ganzen Individualität, daß Sie Sorge tragen, große Sorge für den Ausfall der Prüfung, welche Ihnen bevorsteht. Ich theile sie aber nicht, ich darf sie nicht theilen, denn wenn ich zweifelte an dem glücklichsten Ausgang, so würde ich sündigen an Ihnen und der Freundschaft. Ich bin voll fester, froher, sicherer Zuversicht, daß jener Tag Ihrer, und den Wünschen und Hoffnungen Ihrer Freunde entspricht. Ich bitte Sie indeß noch einmal dringend, entschlagen Sie sich allen trüben Gedanken, ich weiß aus Erfahrung, sie fördern nicht, sie trüben das Gemüth, und nur das ganz Ruhige ist empfänglich die Eindrücke, die aufgenommen werden sollen, so aufzufassen, wie sie aufgefasst werden müssen. Ich kann es mir denken, das trokkene Studium der Grammattik, oder der sogenannten Brodwissenschaft kann einem so regen lebendigen Geiste wie dem Ihrigen, nicht zusagen; sollte aber ihre Nothwendigkeit Ihre Vernunft nicht überzeugen können, und / das Widerstrebende dadurch eine gefälligere Ansicht bey Ihnen gewinnen? Das Inhaben der Schulwissenschaft, ist ja auf jedem Falle, die Basis auf der Sie bauen müssen, die Grundbedingung zu der zukünftigen Existenz. Ihr Geist entbehrt, bey Ihrem Streben, Ihr Wissen zu bereichern; Ich will es Ihnen glauben; aber darf das Sie veranlassen zur Klage? Sind Sie auch der Sache auf den Grund gegangen, haben Sie Sich geprüft warum Sie Entbehrung fühlen? Wie oder flüchten Sie zu dem Freunde, um von ihm zu hören, was Sie selbst Sich nicht gestehen mögen? Sie wollen Aufschluß über sich, - wohlan dann, ich will Ihnen diesen geben, obgleich ich einsehe, daß Sie mir nur zögernd Recht geben werden; am Ende werden Sie es aber doch thun, wenn ich mich nicht durchaus in Sie geirrt habe. Mein theurer Andersen, Ihr Geist entbehrt, weil er Genüsse fordert, die ihm die Gegenwart nicht bewilligen kann, weil er kein Recht hat sie jetzt schon zu fordern. Wer erndten will, muß erst säen; haben Sie das schon gethan; wer genießen will, muß erst entsagen, welcher Entsagung haben Sie Sich schon unterworfen? In Ihrer Antwort auf diesen Brief will ich Ihnen die Antwort auf diese Fragen erlassen, aber ich fordre, daß Sie beyde vor sich selbst aufrichtig und klar ergründen, damit Sie endlich Licht erhalten über Sich und eins werden mit Sich selber. Nur aus der Entbehrung kann der Genuß entspringen nur aus der Arbeit, die Freude - Entsprechen Sie den / Erstern, so werden Ihnen Letztere nicht fehlen. Nur wer die Pflichten des heutigen Tages in ihrem ganzen Umfange mit Lust und Liebe erfüllt, braucht für den morgenden nicht zu fürchten; - Sie fürchten die Zukunft. - Fürchten Sie diese etwa, weil Sie meinen der Gegenwart nicht genug zu thun? Dann, aber auch nur dann, bitte ich Sie als Freund, ich beschwöre Sie als Mensch, streben Sie dahin, sich mit der Gegenwart zu versöhnen, die Zukunft trägt ihre Farbe und ihr Antlitz; fragen Sie mich nicht, wie Sie Sich versöhnen können mit der Gegenwart, Ihr eigenes Herz, Ihr eigenes Bewußtseyn wird Ihnen sagen, daß es nur geschehen kann, durch die regelmäßigste Arbeit, durch den dauerndsten Fleiß, durch die angestrengteste Aufmerksamkeit, durch die rücksichtsloseste Entsagung alles dessen, das Sie zerstreuen oder abhalten könnte, für das Uebrige lassen Sie den Sorgen der die Raben speist und die Blumen kleidet auf dem Felde. Er wird helfen, denn er ist der Helfer und wer sich vertrauend zu ihm wandte, der hat noch niemals unerhört sich fortgewendet von ihm. - Wie aber das Ende auch seyn möge, einen Ausweg haben Sie im schlimmsten Falle immer, einen, mein theurer Andersen, der Ihnen nicht entgehen kann, denn ich bin der, der ihn zu öffnen vermöchte. Ich nenne ihn heute nicht, denn nur die höchste Noth darf ihn herbeyführen, nur ein gänzliches Fehlschlagen aller Ihrer Hoffnungen in Denmark, - und dafür bewahre / bewahre Sie der, zu dem Sie wie ich hoffe, täglich Ihre leidlichen Wünsche und Gebete richten. - Ehe ich diesen Gegenstand verlasse, muß ich noch eine Ansicht berichtigen, die wenn auch nicht deutlich ausgesprochen in Ihrem Briefe doch aus manchen Zügen desselben hervorschimmert. Sie scheinen zu fürchten; Ihre Poesie, oder Ihre poetische Anlage könne leiden unter dem ersten Studium der trocknen Wissenschaft, wie sehr irren Sie darin, sie kann nur geschärft, nur ausgebildet werden durch Sie. Wenn die Poesie den Dichter selbst glücklich machen soll, so muß sie übergehen in sein Leben, sie muß nicht allein sich aussprechen in seinen Worten, sondern abgedrückt seyn in seine Handlungen, und sich abspiegeln in eine jede. Aber die Poesie kann nur übergehen in das Leben des Sängers, wenn sein ganzes Wesen harmonisch verschmolzen ist, wenn Gefühl und That, Wort und Empfindung in schwesterlicher Eintracht stehen, und dahin kommen wir nur durch eine vollkommene Zufriedenheit mit uns selbst, gewinnen wir uns diese, so treten alle Kräfte in uns, und alle Töne um uns in Einklang, wir sind das was wir seyn sollen, Menschen im eigentlichsten Sinne des Wortes, gottbegabte Sänger, gestellt auf die Höhen des Lebens, zu denen der schlammige Strom des gewöhnlichen Treibens nicht reicht, und die Sorge keinen Weg findet! O Andersen, mein theurer kluger Andersen, daß Sie dahin kömmen, wie glücklich würden Sie seyn, wie liebenswürdig in Ihrem Umgange, wie edel / in Ihrer Empfindung, wie frey in Ihrem Handeln wie ruhig in jedem Schmerz, wie getrost in jeder Widerwärtigkeit, wie unabhängig in jeder Lage, wenn Sie dahin strebten, Ihr inneres Gefühl in vollkommenen Einklang mit Ihrer äußeren Bewegung zu bringen; wenn Sie Sich vermöchten, Ihrer Stellung aus dem richtigen Gesichtspuncte aufzufassen und statt zu trauern über das Zweifelhafte Ihrer Verhältnisse, zu preisen den Herrn der Gnade, der so wunderbar Sie so weit geführt hat. Ich habe so oft gewünscht vorzüglich in der letzten Zeit recht oft, daß ich Ihnen nahe wäre, um Auge in Auge, dies Thema mit Ihnen gründlich zu erschöpfen, es ist zu reich für den Umfang eines Briefes, schriftlich konnte ich Ihnen nur einzelne Aphorismen senden, deren Unzulänglichkeit sich mir um so lebendiger Aufdrang je mehr einzelne Töne und Anklänge in Ihren Briefen und Liedern micht taurig stimmten Lassen Sie mich ganz aufrichtig seyn, selbst in den schalkhaftesten Liedern Ihrer Muse bricht zuweilen ein Hauch des Wehmuth hervor, der alle Rosen des Liedes mit einem Trauerschleier bedeckt; Sie denken Vielleicht selbst nicht daran, um so mehr macht es mich besorgt, denn es muß tief eingewurzelt seyn in das Innere, wenn es sich auf einer so unpassenden Stelle und zugleich so unfreiwillig ausspricht. Warum denn dies schmerzliche Gefühl? Der gute Mensch soll froh seyn, seine Freude ist des Schöpfers willkommenster Dank nicht froh seyn wollen wie er es will / heißt undanckbar seyn. Hüten Sie Ihr junges Herz vor solcher Undanckbarkeit, aber noch weit mehr hüten Sie es, vor dem zerstörenden Schwelgen eines eingebildeten Schmerzes. Wenn wir jung sind, begabt mit warmer Phantasie, mit einer reichen Bilderwelt in unserm Herzen, mit den Tönen des Wohllaut auf unsrer Zunge dann träumen wir wohl ein Unglück herbey, oder wünschen uns einen großen Schmerz, damit wir ringen können mit ihm, und herrlich bestehen vor uns und vor der Welt; wir dencken nicht daran, mein theurer Freund, - daß wir durch den thörichten Wunsch schon besiegt sind, und der Schuld verfielen, durch die Eitelkeit unserer Sehnsucht; - Jeder Schuld folgt aber Reue, und kein Friede besteht, wo diese unselige Tochter des heimlichen Frevels mit der besiegten Unschuld ins Leben tritt. Kein Friede, Andersen, erwägen Sie das Wort wohl, die Erfahrung möchte sonst zu spät Sie erinnern an seine Wahrheit. Wie schön ist im übrigen Ihr letzter Brief, so voll sprudelnden Witz, so reich an attischem Salz, so rührend in den Ausdrücken Ihres Gefühls für mich, ich habe mich im eigentlichsten Sinne gefreut über jede einzelne Stelle, und über die Anmuth und Leichtigkeit Ihrer Sprache; vorzüglich habe ich mit inniger Theilnahme alles gelesen, was der Brief über Ihre neue Bekanntschaft, über Ihren lieben Bagger enthält, Gott segne Sie und ihn. Will uns das Schicksal hoch begünstigen vor tausend andern, will es uns einen Stab geben in der Noth und eine Leuchte in der nächtigen Wüste, so giebt es uns / einen Freund; der redlich und wahr mit uns sich vereint, um in gegenseitiger Belehrung zur Vollkommenheit zu streben. Möchtet ihr beyde solche Freunde seyn; Ihr seyd jetzt in den Jahren in denen Verbindungen ähnlicher Art für die Ewigkeit geschlossen werden; möge Eure eine Ewigkeit währen! - Nachdem was Sie mir schreiben vermuthe ich daß Sie Ihren Freund in seinem innersten Wesen erkannt haben, daß er sich bewährte, als der, der er seyn soll, um Ihnen genug zu thun, als einer, der den ganzen Raum Ihres Herzens durch seine eigene Persönlichkeit auszufüllen vermag, und jede Regung der Sehnsucht Ihrer Seele stillt; ist dem so, so sind Sie ein beneidenswerther Mensch, und haben vor allen darnach zu streben, durch offenes Vertrauen, durch unbeschränkte Hingebung, durch rücksichtsloses Festhalten ihres Glaubens an ihn und seine Tugend, Ihr seltenes Glück zu verdienen. - Aber mein theurer Andersen stehen Sie auch auf dem Puncte den Forderungen zu entsprechen, die der Freund gegen Sie machen wird? Ich glaube, Sie stehen jetzt noch nicht darauf; - denn sonst würden Sie gegen den Nahestehnden sich viel lieber mündlich, wie gegen mich schriftlich ausgesprochen haben. Wie sehr Ihr Vertrauen mich ehrt und erhebt, so sagt mir doch mein Gefühl daß ich einen Raub begehe an der Freundschaft, und mir das zueigne, was ihm eigentlich gehört. Wie aber hätten Sie wirklich mir einen Drang der Mittheilung / Mittheihlung empfunden, wenn Ihr Herz überfloß in seiner Nähe, und der Blick seines Auges Ihre Brust erwarmte. Jean Pauls Worte, wie schön sie sind, lassen sich schwer sich anwenden für diesen Fall; und können wohl nur dann bezogen werden, wenn kein Gegenstand da ist der unsre Freundschaft erwidert, oder unsere Liebe. Welch eine sonderbare Vermuthung, drängt sich bey diesem letzten Worte in meine Seele; - Verbergen Sie etwa gegen mich auch noch ein 2tes heißeres Geheimniß? - Ist der Strahl der in Ihre Seele fuhr, sie zu begeistern für die Freundschaft, auch geworfen worden in Ihr Herz und hat es entzündet für die Liebe, obgleich es sich vor kurzen noch hoch vermaß, es kann ihr trotzen immer und ewig. Hat sich Astrild so bald gerächt; - Mein erotisches Gedicht vom vorigen Jahre, dass Ihnen damals so unleidlich erschien, hat mit einemmale hohen Werth bekommen in ihren Augen. Sie schreiben Weise an Sterne und Rosen (beyläufig gesagt sehr hübsche Verse), Sie brauchen das Wort Geliebte in Beziehungen, die sonst Ihren Briefen fremde waren. Das sind schwere Symptome einer nahenden Krankheit. Weh Andersen, wahren Sie Ihr Herz, oder wenn die Warnung zu spät kommt, so wahren Sie wenig- stens Ihr Gefühl, daß es nicht verirre, und auf Abwege gerathe; - genug davon, für diesmal, der türkische Großwezier gab neulich die sehr kluge Bemerkung zum Besten, keinem Kinde eher einen Namen zu geben, bis es geboren, und dessen Geschlecht entschieden sey; - ich will ihm folgen und schweigen bis ich / mehr weiß von Ihnen über diesen Gegenstand. Sie fragen, wo meine Geliebte sey, und setzen voraus, weil ich Liebeslieder schreibe, müsse ich auch was Liebes besitzen. Sie irren, ich hatte einmal als ich ein Jüngling war, etwas sehr liebes, nun bin ich ein Mann, und habe nichts. - dieser Punct ist die wundste Stelle meines Lebens, wollen Sie meine Bitte gewähren, so berühren Sie sie nie wieder. — Wie immer habe ich denn auch diesmal die letzten Erzeugnisse Ihrer Muse mit vielem Interesse gelesen. der Reimkobold steht in meinem Geschmack am höchsten, wie denn Ihre große Anlage für das komische täglich mehr sich offenbart. Bleiben Sie ja auf diesem Wege, er sagt Ihrer Persönlichkeit am meisten zu, und fließt aus der unverdorbensten Originalität, - ich habe herzlich gelacht bey mancher überra- schenden Wendung, und Ihre Behendigkeit in der Handthierung des Reims mehr wie einmal bewundert. Sterne und Rosen, ist sehr niedlich, - ich glaube es übertragen zu müssen, und werden Ihnen hoffentlich die Bearbeitung bald senden. - das Lied til Hende, gefällt mir weniger; beschreibende Gedichte über die Schönheit, zumal die idealisierte, lassen immer kalt, und sind wie beschriebene Landschaften, man glaubt wohl dabey, daß es etwas recht herrliches gewesen, was der Darsteller schaute, man siehts aber nicht, und bleibt daher weniger hingerissen. Tröste, schreibe ich das nächstemal in das Stammbuch / einer trauernden Schönen, und verdiene mir auf Contrabandswegen einen freundlichen Blick, die vier Zeilen dieses Gedichtes sind höchst anmuthig. - Ønskerne verlangt etwas gar viel, da Sie aber selbst sagen es sey gut den Mund recht voll zu nehmen, da es auf ein paar Millionen mehr oder weniger nicht ankommt, so mag es gehen, - von allem Angeführten, wünsche ich Ihnen den Gegenstand der 1sten Zeile des letzten Verses, „En god förstaaelse med Gud”- dieser aber bewahre Sie vor den neue ächten Freunden die Sie im vierten Verse wünschen Sie würden alle zu schwer tragen daran. - Guds Godhed. ist nicht auf eine Art von Ihnen behandelt, die die Größe des Gegenstandes fordert, und der Forderung an eine Ode entspricht; wohl ist was Sie sagen schön und wahr, aber nicht so schön und erhaben, wie es seyn muß um länger zu leben wie die Tageoslinge???. Feilen Sie überhaupt mehr, und richten Sie strenge über Verstöße gegen Meter und Sprache, Gefühl und Empfindung. Nach dieser Epistel werde ich mich wohl hüten Ihnen etwas von meinen Arbeiten zu senden, Sie möchten sonst veranlaßt werden, eine Satzen darüber zu schreiben. doch nein, dazu kommen Sie bey Ihrer gutmüthigen Sinnart nicht, der Vorwand kann also nicht gelten, ich aber vermag nichts desto weniger nichts zu senden, weil ich endlich nichts geschrieben habe, als einige Verse bey meiner Gudrune, und ein mageres Hochzeitsgedicht, das / ich Ihnen aber doch beylegen will, und Sie dann bitte, Ersatz zu suchen für das entbehrte in diesem bereits zum Buche angewachsenen Briefe. Den skandinaviske Nyaarsgave habe ich gelesen aber mich nur an Einzelheiten erbaut; ich glaubte daß die Herausgeber vorzüglich Sorge getragen hätten den ersten Jahrgang recht würdig auszustatten, finde mich aber in dieser Meynung betrogen. Geben Sie mir zu, daß ich Recht habe in der Behauptung, er enthalte nicht viel Gutes. - Unleidlich sind mir vor allem in Werken die für ein großes Publicum bestimmt sind, Gedichte, durch die sich Personen, einzelne Individuen gegenseitig anbinden. Es liegt etwas höchst unzartes darin, solche Complimentaerschwüre gegenseitige Beräucherungen und Baalsopfer vor den Augen der Welt producieren, und auf gewisse Art damit Großthun zu wollen; dies wird aber gar widrig, wenn die Verse selbst so schlecht sind wie Millers, an seine schwedischen Bekanntschaften aus denen man nichts sieht, als das Bestreben, seine Verhältnisse mit ihnen, die locker genug seyn mögen an den Tag zu legen. - Die schwedischen Verse an ihn sind nicht viel besser. - ich habe mich geärgert über beyde, Sagen Sie mir doch was halten Sie von Miller? Kennen Sie ihn persönlich, seine Gedichte entbehren zuweilen einger guter Gedanken nicht, sie sind aber so selten, wie die Speckbissen in der Erbsensuppe eines Armenhauses / nieder und bitten Sie ihn es an auch durch Hank zu befördern, ich entbehre Ihrer Briefe höchst ungerne so lange. Wir haben einen köstlichen Herbst gehabt, von dem ich jedoch nichts genossen, denn meine Unpäßlichkeit hält mich im Zimmer; seit einigen Tagen ist das Wetter trübe und neblicht und mein kameur [Kammer], das sonst ziemlich viel Morgenroth und Sonnengold an sich schaut; trägt nun dieselbe Farbe; darüber ärgre ich mich am meisten und mache die Sache nur noch schlimmer und meinen Unmuth noch größer. Der verbittert mir nun gar jeden Genuß und nimmt mir alle Lust etwas ordentliches vorzunehmen. ich habe indeß doch einige Tage an meiner Gudruna gearbeitet, und zwar an der Stelle wo diese nordische Heldin, die Kraft der ihr von Grimhild vererbten Runenkunde erprobt, um den auf seinen Schlangen entschlafenen Gunnar in Atles Drachenthurm zu erwecken. Hier ein paar Verse zur Probe. - Gunnar ist auf Atles befehl dem Gewürme vorgeworfen, aber Gudruna hat ihm die Harfe geschickt, und er hat diese gespielt, und ein Lied von Sigurds Thaten dabey gesungen, und von Brundhildens Fluchen über die Söhne Gjukes - die nun in Erfüllung gehen, und denen Progne schon gefallen ist. Die Schlangen lauschen, immer stärker tönt sein Gesang. / Er sang mit Macht, und wilder Lust entzücken Ergriff die Schlange, ihre Augen glühen Indeß zum Tact die langen Hälse nicken und gegenseitig brünstig sich umziehe; bis alle sich zu einem Knäul verstricken, der sich in grausen formen wälzt um ihn mit eignem Geifer frißt die Riesenglieder, und endlich schlafend sinkt zur Erde nieder. Nacht war´s indessen auf der Burg geworden im Rausche liegen Atle und seine Mannen, nur Gudruna wacht, jammernd, und sinnend auf die fernere Rettung des Bruders. Und als sie sann, wie ihr die That gelänge und heiß von beystand zu den Göttern ruft, da scheint es ihr der Harfe Rauschen dränge Zu ihr sich nieder kräftig aus der Gruft Als tönten leis und leiser nun die Klänge und schwanden endlich ganz im Strom der Luft. Da fährt sie auf; in schneller That beginnen Erklimmt sie rasch des Drachenthurmes Zinnen. Und als Ihr Blick die finstre Nacht durchdrungen Sieht Sie entschlafen Gunnar hingestreckt und unter ihm, zu seinem Gesicht verschlungen, die Brut die ihren Zahn nach ihm geleckt; Von seinen Tönen aber eingesungen, und fast von seinem Riesenleib bedeckt, So wie der Sieger auf dem Feindesschilde / so lag er auf dem gräulichen Gebilde Die Harfe liegt neben ihm, sie tönt noch als wolle sie Ihn mahnen an die Gefahr, aber Gunnar hört nicht, vergebens ruft ihn Gudruna, ihr Jammer dringt nicht bis zu ihm, so soll die Kraft der Runen denn walten, und den Schläfer wecken,vom 7ten bis zum 12ten Grade steigt die Wirkung des Zaubers, dort fäng sie an zu legen, und der Runen Kraft zu erproben „Als es begann, sich um sie her zu regen, Zu flüstern und zu rascheln grauenhaft, Es huscht heran mit zitterndem bewegen doch??? Sie legt weiter. -„ Und bis zum Grund durchschüttert Erhebt des Thurms Gewölbe; niederfuhr Ein Flammenstrahl, und unter ihm zersplittert Die höchste Riesentanne auf der Flur. Das Meer stönt laut, der Schoß der Erde zittert Und dumpfes Ächzen ging durch die Natur Als läge sie in fürchterlichen Wehen, Mit Ungeheuern, so noch nie gesehen. Sie legt weiter, aufgestörte Geierschwärme rauschen heran, Wölfe und Füchse werden wach, und umtoben die Pforten des Thurmes mit heiserem Gesang „Nur ihn, den ihr Geheul gerettet hätte Ihn weckt es nicht auf seinem Schlangenbette „Sie legte fort, und alle Sterne schwinden Es wächst der Sturm zum brausenden Orkan das Meer kocht auf in seinen tiefsten Gründen, Und bricht sich schäumend eine neue Bahn, / In Flammen will der Himmel sich entzünden Es rollt der Donner tosender heran; Im Kampfe rosen alle Elemente, O! daß ihr Kampf doch ihn erwecken könnte. Sie legte fort. Und Urgebirge tauchen Zertrümmert ihre Kulmen in die Fluth, die Erde berstet, Abgrundsdünste hauchen Ihr tödlich Gift in die befreite Gluth. Die Nacht verschwindet, Feuersäulen rauchen Als gälts den letzten Felsen zu zersplittern der Himmel sich in flammenden Gewittern. Doch Gunnar lag in seinem Schlangenthurme In sichern Schlaf, wie unter freundes Hut, sah nicht die Blitze, hörte nichts vom Sturme Nichts von des Donners losgelassner Wuth, Er träumt von seinem Kampfe mit dem Wurme, der unter ihm, wie er im Schlafe ruht, Und schlummert fort, so sanft, so unbefangen Als ob Glarovas Arme ihn umschlangen. Da faßt die Angst, die Qual mit wilden Schlägen Gudrunas Herz, und schrecklich wird´s ihr klar, daß ihn zu retten Runen nicht vermögen Und auch die höchste unzulänglich war. Hier wirke feindlich eine Macht entgegen, die trotze jedem Räuber wunderbar und wisse mit geheimnißvollem Streben, die Kraft der Unheildrohensten zu heben. / so weit bin ich gekommen; der Gang der Geschichte läßt beym 12ten Runengrade, Grimhilde erscheinen. diese entdeckt der Töchter, ein Ring den Gueras trage, (derselbe, den Gudruna ihm zur Tarnung vor Atlas Hinterlist zusandte, der Ring, den Sigurd dem erschlagnen Fafnor, und zogleich das Unheil mit in sein Haus nahm) habe die Wirkung des Zaubers, sie müße andre Mittel ergreifen, wolle sie den Bruder retten. - Da schneidet Gudruna Ihr golden Haar ab, ihr Haar, das. wenn es gelöst von ihrem Scheitel rollte, In tausend Kringeln bis zur Tiefe floß, Und einem Mantel gleich von klarem Golde, des hohen Baues edle Form umschloß und flicht daraus eine Strickleiter, selbst hinunterzusteigen, vergebens, sie reicht nicht, und nun ist sie das schwächste, hülfloseste Geschöpf, das unter der Sonne lebt. Die Kraft des Zaubers, die in ihrem Haare lag, ist gebrochen, allein in ihrem Jamer, steht sie da, verlassen, verzweifelnd, da richtet sie ein Gebet an die Götter an Baldas den Frommen an Freya, und Odin, - aber die Götter hören nicht, ihr Gebet irrt hinüber in den Wahnsinn, sie Flucht die Himmlischen, sie reißt mit verwegenen Händen, die Schleyer von Ihrem geheimnißvollen Daseyn, von ihrem dunklen Schaffen und Walten, sie kündet in grauenvollen Offenbahrungen eine 2te ??? die / Kämpfer auf Wigeios Ebne, wenn Ranaroek gekommen ist; ihre schauervollen Töne, wecken die Schrecken der Natur aufs neue, Blitz entzündet sich an Blitz, einer von ihnen fährt unter die schlafenden Schlangen, sie fahren auf und Gunnar - hat gelebt - so weit dieser Gesang der folgende letzte Gudrunas Rache - Schildert diese und ihr Ende, Sie sehn ich habe mir willkürliche Veränderungen erlaubt, ich meine aber diese aus ästhetischen Gründen vertheidigen zu können, und mich zu rechtfertigen für mich und die Lesewelt sagen Sie mir nur Ihr Urtheil über den Plan und was Sie an der Ausführung, von der ich Ihnen einige Proben mittheilte auszusetzen finden. Wer zum Henker, hat Ihnen erzählt, daß ich Räthsel und Ehereden schreibe, davon ist mir nichts bekannt, eben so wenig etwas von dem Leben, daß ich hier unter die Leute bringen soll; ich lebe einsame Tage komme wenig aus, und mit noch weniger in Berührung; und nun zumal lieben, hier lieben, wie gelangte das Wort in Ihren Brief, sagte ich Ihnen nicht einmal, daß ich nicht mehr liebte, warum also ein Scherz, der zum Schmerze wird? - Bitte lassen Sie diese Sachen ruhn mein theurer Freund, sie zittern sonst gar zu lange fört. / wie sehr freut es mich lieber Andersen von Ihnen zu hören, daß Sie Hoffnung haben, Ihre Studien noch ein Jahr fortsetzen zu können, in dem Collin, des Königs Haus für Sie ansprechen wollte; sagen Sie mir ja in Ihrem nächsten Briefe, ob der Plan durchging, und Sie noch ein Jahr Zeit gewonnen haben. Es ist mein innigster Wunsch daß es geschehe; die Nothwendigkeit Ihnen die Gelegenheit zu lassen, sich für das praktische Leben mehr und mehr auszubilden, und zugleich so aus- zubilden, daß weder Ihre Gesundheit noch Ihre Phantasie darunter leidet, liegt mir klar vor Augen; Gott gebe darum daß es so komme. Ihr nächster Brief, der diese Nachricht enthalten kann, wird daher doppelt sehnlichst von mir erwartet, zögern Sie daher nicht damit. - Schlägt des Königs Majestät die bitte ab, was unter diesen Umständen doch kaum zu erwarten ist, kann dann niemanden anders helfen? Ist es nur Geld, was Sie gebrauchen? Dazu kann Rath werden; viel habe ich zwar selbst nicht aber ich habe Freunde, die reich sind, und kann daher schaffen, bedenken Sie das, und seyn Sie offenherzig, so wie ich es bin, und so wie meine Wünsche sind für Ihr Wohl! / Ihr deutsches Billet hat mir viele Freude gemacht; es ist nicht ohne Fehler, aber es ist geläufig und gut geschrieben. Schreiben Sie Ihre Briefe an mich fortan immer in dieser Sprache, es übt sie wenigstens, und verschafft mir wie gesagt eine angenehme Unterhaltung. den gale Mandsvise spricht sehr an, wenn meine Gudruna hinter mir liegt, will ich noch einige von Ihnen übersetzen, auch diese gewiss. Ihre Fußreise bitte ich mir zu senden; ich bin sehr begierig darauf - auch die Musik zum sterbenden Kinde, letztere mit dem nächsten Briefe, wer hat sie komponiert? Die Übersetzung der Taucherglocke entgeht Ihnen nicht; ich will nur ein bisschen besser bey Laune sein, es ist notwendig zur Bearbeitung eines so launigen Gedichtes wie das Ihrige. Lassen Sie bald von sich hören, ich zähle die Tage bis ein Brief kommt, lassen Sie mich nicht lange zählen; geben Sie aber auch frohe Nachrichten, es bedarf dessen. Und nun wieder Adieu für diesmal mein Papier geht zu Ende und Munk will fort; lassen Sie ja bald von sich hören recht bald lieber Andersen, mir wird die Zeit schon lang - Einen herzlichen Kuß

Ludolph Schley

Liebau d 28 Sept 1828.

Tekst fra: Markus Wagner (KB affoto 5723-42)