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Brev fra H.C. Andersen til Karl Gottlieb Theodor Winkler 18. juni 1835

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Dato: 18. juni 1835
Fra: H.C. Andersen   Til: Karl Gottlieb Theodor Winkler
Sprog: dansk.

Kopenhagen 28 Juni 1835

Lieber Hr Hofrath!

Daß Sie mich nicht vergessen haben, daß Sie den Freunden vom Norden noch erinnern wie ich aus Ihrem Lieben Briefe gesehen, dafür meinen herzlichsten Dank. Augenblichlich habe ich an den Prof: Kruse geschrieben, er möchte Ihnen gleich ein Exemplar der Ueberzetzung meines Romanes schicken; vielleicht haben Sie schon das Buch, wenn dieser Brief ankommt. Wenn Sie nur an diesem Buch Gefallen finden möchten! hier in meiner Heimath sind die Aeußerungen darüber ungemein vortheilhaft, es steht in der öffentlichenen Meinung unstreitig weit über meinen früheren Schriften. Der Erste, welcher das Buch recensierte, drückt sich so aus: - "Der Dichter Andersen schreibt jetzt nicht mehr so gut wie früher! Sein Ideekasten ist gewiß ausgelockt was ich eigentlich schon längst erwartete". - mit solchen Ausdrücken hat man dieses Dichter erwähnt, in vielen städtischen Kreise, villeicht eben da, wo er sein ersten Auftretens halber früher ammeisten verzogen und fast vergöttert wurde. Allein das er nicht erschöpft ist, daß er sich hingegen zu einer merkwürdigen bis dahin nicht gekannten Höhe aufgeschwungen, das hat er durch seinen: "Improvisator" so eben auf die glänzendste Weise dargethan." - Recensent geht darauf zu der neusten dänischen Novel-Litteratur über, und zeigt, welche Einwirkung einer der späteren Nowellen "En Hverdagshistorie" (: von Kruse ins Dänische übersetzt) auf unsere ganze Nowellen Litteartur geübt hat, besonders im Rücksicht auf die Beibehaltung der wahren Nationalität. Ferner sagt er: "- Andersens "Improvisator" giebt uns ein treues Bild der italienischen Natur [overstr: und Leben]; das Buch ist ein Roman und doch treu wie eine Reisebeschreibung. Was der Dichter in diesem Lande Merkwürdiges gesehen und mit einem seltenen poetischen Vermögen aufgefaßt hat, liegt hier vor unsere Augen. " - Eine ausführliche, und wie ich hoffe eben so lobend, und ermunternde Recension erwarte ich im Kurzen in der Litteraturzeitung oder der Monatschrift für Litteratur. Hörte ich nur bald ob in dem grosen Deutschland mein Liebes Kind auch Glück gemacht. -

Sie haben den Wunsch geäußert, ich sollte für die Aben[d]zeitung Korespondenzartikel von Kopenhagen abgeben. In der That ist es wünschenwerth, daß eine genauere Kenntniß von der Litteratur und der Kunst der kleinen Dännemarks sich auch jenseites der Elbe hindränge. Ich freue mich auf die Arbeit, und werde ganz bestimmt monatlich irgend einen Artikel über dem was unser Zeit hier Interessantes darbietet, liefern. Sie [overstr: sind]gemeint mir zu seiner Zeit ein Honorar bewilligen zu können; sehen Sie - die Arbeit selbst wird mir lieb sein - doch [overstr: es] wäre es thöricht die etwa vorüberfliegenden Kreutzer [tysk mønt] in der Luft nicht zu greifen wenn man sonst damit umgeht reich zu werden um wieder über die Alpen in das hesperische Paradies zu fliegen. Darum eingeschlagen! Ich setze mich gleich an meine Korespondententisch, und mit Ihrer Erlaubniß bringe ich Ihnen hier einige der allerneusten Neuigkeiten. -

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Die Winter-Vorstellungen hier im königlichen Schauspielhaus sind geendet mit der Aufführung von Gläsers: des Adlers Horst (dänisch) das Stück hat Beifall gewonnen. Ein Theil des Personals giebt nun Sommervorstellungen und jedesmal neue Sachen; außerhalb des Thores vegetiert uns eine deutsche Gesellschaft mit hier bis dahin unbekannten Opern (Capulette und Montechi, die Westalien &). /

So haben wir Neuigkeiten innerhalb und außerhalb unser guten Stadt, doch die Beste Neuigkeit ist: wir haben endlich Sommer, den warmen, belebenden Sommer. Der Winter war Nachzügler fast bis in Juni hinein, das Grüne hatte sich allerdings auf den Bäumen entfaltet, aber nur aus Gewohnheit nicht durch Wärme. Jetzt ist hier schön, schön wie in der Lombardey mit welchem unsere vaterländischen Ebenen viel Aehnlichhkeit haben. Die ganze Welt zieht aufs Land, der Reiche bezieht seine niedliche Villa am Meeresufer, der Arme verschleudert einen Tag in: "Charlottenlund", dem schon gelaubten Buchenhain eine Stunde unweit Kopenhagen an dem Sunde belegen. Von da sieht man die schwedische Küste und oft täglich mehre hundert Schiffe den Sund passieren. Am Sontag geht ein Dampfboot mit einer Ladung glücklichen Menschen, die den Wald suchen; im diesem Pfingsten ging das Boot auch nach "Helsingöer", wo der Sund eine Strömung zwischen Dänemark und Schweden bildet, da sieht man "Kullen", das einzige Gebirg, was die im Heimath verbleibende Dänen kennen. Da liegt die alte gothische Festung Kronborg, ein herliches Gebaude; in seinen tiefsten Kasematten, berichtet die Sage, schläft Dänemarks Heros, "Holger Danske", den langen weißen Bart im Steintische hineingewachsen; doch damal einst erwacht er, wenn Dänemark ein Gefahr bedroht, und dann kommt er gewiß. Man besucht Hamlets Grab ungeachtet seiner ziemlich zweifelhaften Aechtheit, man wallfahrtet nach der Hammermühle, der mitten im finsteren Wald belegene Schmelzofen erinnert an den "Gang nach den Eisenhammer". Hinten verblickt man das schwarze Kullen-Gebirge und das dunkelblaue Kattegat. Mit dem Dampfboote macht man diese ganze Reise hin und zurück in einer Tag. - Unsere Dichter sind fortgeflattert. Oehlenschæger ist in Fühnen, und wohnt nach einer Einladung des Prinzen Christian, auf dessen Schloß. Heiberg und seine geistreiche Frau, unsere erste Schauspielerin die bei Ihren seltenen Vorzügen europeischen Ruhm verdiente, freuen sich auch der ländlichen Stille. Ingemann wohnt fortwährend in Sorøes Sommer, dem Sitze eines Dichters Vierkleeblatt (:Ingemann, Hauck, Wilster und Bredal). Er (Ingemann) hat so eben drei kleine Erzählungen erscheinen laßen: der Wehrwolf, Der lebendige Todte, und der Korsicaner. Wilster, auch Professor bei der Akademie in Sorö hat seine dänische Uebersetzung von Homers Ilias eine höchts verdienstvolle Arbeit, vollendet. - Die Dampfboote von Stettin, Lübeck und Kiel, wie auch von Norwegen bringen wochentlich viele Fremden nach Kopenhagen. Die Anzahl der Besuchenden vermehrt sich währed die Einwohner auch gegen Süden und Norden hinausfliegen. Die Bildergallerie auf dem Schloß Christiansborg besitzt herliche Gemälde der niederländischen Schule, diese, die hier angekommenen Arbeiten von unserem Landsmann Thorwaldsen, und die schönen Umgegend von Kopenhagen, alles dies verdient allerdings, daß man es sieht. Vor, bei und nach St Johannis zeigt das eigentliche Volksleben seine Kulmination. Noch vierzehen Tage, und neapolitanisches Leben herscht in den 2 Stunden unweit Kopenhagen belegenen "Tiergarten". Auf einem großen von hohen Buchen umschatteten Hügel sieht man ein lebendes Bild der Largo del Castello in Neapel. Schaubuden an Schaubuden, Karoussells, Seiltänzer und Wachskabinette. Im wogenden Getümmel, bewegt sich alles hin und her und Leyergeklimper und Trompetenschall, Singen und Ausruffen. Ringsum glänzen weiße Zelte, unter den alten / Eichen brennen große Brat- und Back-Feuer. In ungezwungenen Gruppen sitzen die Familien auf den Bänken oder liegen in dem hohen Grase. Alles athmet Gesang und Lust! kaum daß man den armen, blinden Bauer hört, der unterm Baum steht und seine dreisaitige Geige kratzt. Das "Mester-Jakel"sche Theater, ein armliches Schauerchen, wo man mit einigen plumpen Marionetten unter freiem Himmel spielt, ist ganz national, es steht seit 30 Jahren noch auf dem selben Platz, vom Vater auf dem Sohn vererbt. Dieses Theater hat das zahlreichste Publicum; am Schluß jeder Vorstellung geht der Directeur mit einem Teller um. Oehlenschlæger hat in einem seiner vorzuglichsten Gedichten: "St Johannis-Aben[d]spiel" ein treues Bild des Thiergartens gegeben. Mester-Jakel und seine Marionetten sind auch nicht da vergeßen. In der Vaudeville: "Der Recensent und das Thier", hat Heiberg diese Sommerfreude der Kopenhagener auf die Bühne gebracht. Schöner ist noch die Rückfahrt in der schönen Sommernacht, besonders beim Mondschein. Die ganze Landstrase, bis zu der Stadt, ähnelt dem Pariser Boulewards, die Wagen kreuzen einander, man plaudert, singt und jubelt indem man fliegt. Einige Dampfbote folgen der Küste entlang, und ringsumher aus den Garten steigen Rakettenin die blaue Luft hinauf. Die meisten Landhäuser liegen an dieser Straße; hier ist man auch der Stadt ziemlich nahe, und kann täglich alle Zeitungen in- und aus-ländische bekommen. In einigen der ersteren herschte seit einer Zeit ein leidiger Ton; dies bewirkte das Zusammentreten einer Gesellschaft die schon um 1350 Mitglieder zählt, sie nennt sich "die Gesellschaft für den richtigen Gebrauch der Preßfreiheit; die Committee besteht aus Männer vie [wie] Ørsted, Schouw, Clausen &; jede Woche erscheint ein Blatt, dessen Augenwerk ist jede ungezogenene oder gaßenhauricshen [gadedrenge-] Aeusserung in der dänischen Litteratur zu unterdrücken. Sein erstes Wirken äußerte sich gegen eine elende von Persönlichkeiten strotzende Brochure: "David und das Vaterland", von einem lügennamigen Verfaßer; gemeiniglich glaubt man doch in den Hamburger Dr. Wollheim, dem Autor des spanischen Pfeffers und deutschen Salzes, der Verfaßer zu kennen. Unsere sonstige Frühlingseinigkeiten sind: "Ein Jahr in Kopenhagen", Roman von einem Ungenannten, und eine kleine Erzählung: "Johan Gordon". Ueber diesen beiden steht unstreitig die Novelle "Meines Bruders Leben" von Carl Bagger. Die Beschreibungen sind characteristisch und lebhaft, hie und da konnte man mehr Freiheit wünschen, allein die Glanzpartheien sind doch immer die überwiegenden. In der "Monatschrift für Litteratur" ist diese Nowelle streng und unbillig recensiert, und doch ist die Recension nicht von Molbech, einer in Dänemark als Sprachforscher geachteten Gelehrten, der indeßen als Kritiker zu viel Grämlichkeit, zu wenig Heiterkeit hat. Øehlenschlæger ist in dieser Zeit mit der deutschen Uebersetzung von seiner neuen Tragedie "Socrates" beschäftiget; Hertz hat ein vielgelobtes versificiertes Lustspiel: "Der einzige Fehler" volendet; er ist noch nicht erschienen weder gedruckt noch auf der Bühne. Außer den "Improvisator" der sich einer gar liebevollen Aufnehmen erfreuen durfte, wie ich Ihnen schon gemeldet, hat Andersen ein Heftchen "Abendtheuer für die Kinderwelt" erscheinen

verte.

laßen, welche sowohl Kindern als Erwachsenene anzusprechen scheinen; das darauf folgende Häftchen wird baldigst erwartet. -

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N. Sch.

Das meine Mittheilungen nicht unter meinem Namen bekanttgemacht werden, vesteht sich von selbst; das wird micht sonst bei meinen Aeüserungen oft genieren. Grüßen Sie den liebenswürdigen alten Tiedge und gedenken Sie meiner mit Freundschaft. Ihr treu ergebener

H. C. Andersen

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Meine Adresse: H.C. Andersen. Nyhavn, Charlottenborg Side No 280, i [overstr: Kjøbenhavn] Copenhagen

[Udskrift:]

Sr Wohlgebohr.

Herrn Hoffrath Dr. Winckler

(Theodor Hell)

In Dresden

par Hamburg

Tekst fra: Solveig Brunholm (LP 50, billed 6245-48)