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Brev fra H.C. Andersen til Ottilie Brockhaus 18. april 1841

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Dato: 18. april 1841
Fra: H.C. Andersen   Til: Ottilie Brockhaus
Sprog: tysk.

Athen, den 18. April 1841

Liebe Frau Brockhaus!

Meinen herzlichen Dank für all die Freundschaflichkeit, die Sie mir während meines kurzen Aufehnthalts in Leipzig erwiesen haben. Bei TIsch sagte mir Ihr Schwiegervater, ich möchte Ihnen einige Mitteilungen über Italien senden und könnte solches gern auf Dänisch tun, da Sie jemanden im Hause hätten, der meinen Brief zu übersetzen imstande sei. Oft habe ich der angenehmen Mittagsstunde gedacht, obgleich ich nicht die Ehre hatte, Ihren Mann zu treffen; oft habe ich Lust gehabt zu schreiben, aber was ich Ihnen mitteilen konnte, kam mir so unbedeutend vor, daß es kaum irgend etwas für die Öffentlichkeit bot. Nun ist aber ein halbes Jahr verflossen, seitdem ich Sie besuchte, ich bin in Athen und stehe im Begriff, nach dem Orietn zu gehen; aber ehe ich abreise, drängt es mich, Ihnen, Ihrem Mann, Ihrem Schwïegervater und Ihrer Schwester, wenn sie sich meiner noch erinnert, mit Feder und Tinte einen freundlichen Gruß zu senden.

Ich habe einen kalten, ungastlichen Winter in Rom zugebracht, habe an Zahnschmerzen gelitten und viel gekränkelt. Italien war mir zwar höchst interessant, aber es stand in einer kälteren Beleuchtung als zu der Zeit, da ich vor sieben Jahren zum erstenmal dies Land sah. Der Duft der Neuheit war verschwunden. Nichtdestoweniger verließ ich diesmal Rom mit weit größerer Wehmut als das erstemal; es ist hier so viel für die Seele und den Gedanken, daß das Herz bei wiederholtem Aufenthalt in dieser Stadt gewissermaßen Wurzeln schlägt.

Übrigen müssen Sie nicht glauben, daß ich unbedingt Enthusiast bin, wie man fast annehmen möchte nach einem Artikel, den vor einiger Zeit die Augsburger Allgemeine Zeitung brachte. Sie erinnern sich vielleicht jenes Artikels, der aus einem andern deutschen Blatt genommen war und worin mit vieler Salbung das heilige Dreikönigsfest in der Propaganda fidei in Rom besprochen wurde. Die Zöglinge dort deklamieren Gedichte in allen Zungen, ja singen sogar chinesich; das Ganze ist komisch. Der Berichterstatter stellt es als etwas Beispielloses dar und erzählt, ein Franzose habe vor Bewunderung laut geschrien und ein dänischer Dichter sei ganz entzückt gewesen und habe gesagt: "Ähnliches kann man nur in der Weltstadt Rom erleben!" Als ich dies las, ward ich gleich ganz verdrießlich, daß man mir solch unsinniges Gewäsch in den Mund legte. Ich war wirklich in der Propaganda, litt aber an jenem Tag schrecklich an Zahnschmerzen. Ein junger Geitlicher, Herr Nikola aus Coblenz, führte mich umher, und da er mich fragte, ob ich Maler sei, antwortete ich ihm, ich sei dänischer Dichter. Der Mensch war ganz entzückt über die Festlichkeiten und wiederholte einmal über das andre: "Ja, ähnliches erlebet man nur in der Weltsstadt Rom!" Ich habe villeicht aus Höflichkeit "Ja" geagt, aber das ist auch alles. Ich möchte fast glauben, der habe den Bericht geschrieben und dabei, damit es sich gut gruppiere, mir seine eigne Phrase in den Mund gelegt. SIe werden aus meinem Roman "Der Improvisator" (Jugendleben und Träume eines italienischen Dichters), wo ich gerade jenes Babylonische Fest bespreche, wissen, daß es mir jetzt nicht mehr neu war und daß ich auch das erstemal nicht enthusiastisch gewesen bin. Doch genug davon, es ägert mich nur, daß, da alle Dänen und eine große Menge Deutscher wissen, daß ich gerade am Dreikönigsfest in Rom war, man in dem angedeuteten Dichter mich erkennen wird.

Am Tage nach der Beendigung des Römischen Karnevals reiste ich nach Neapel, wo ich alle Berge mit Schnee bedeckt fand. Das Wetter war hier ebenso unsicher wie in Rom, und ich bekam das Fieber. Nachdem ich dies überstanden hatte, nahm ich einen Platz an Bord des französischen Dampfers "Leonidas" und segelte nach Malta und Syra; hier war das Arrangement mit den Dampschiffen so sonderbar, daß alle Passsagiere, die von Neapel kamen, um nach Athen zu gelangen, auf ein Dapfschiff gehen mußten, daß von Alexandrien kam; wir mußten also unsern Eintritt in den Piräus mit der QUarantäne anfangen.

Jetzt bin ich etwa einen Monat in Griechenland gewesen; Detusche und Landsleute haben mir eine Aufmerksamkeit, eine Freundschaft bewiesen, die mir meinem Aufenthalt hier unvergeßlich machen wird. Was das Land selbst betrifft, so hat man zu Hause gar keinen Begriff von den Schwierigkeiten einer Reise hier. Sie wissen, hier ist so gut wie gar kein Weg, man muß immer zu Pferde sein, an vielen Stellen müssen die Pferde durch Flüsse waten, und abends findet man eine höchst elende Herberge. Doch die Erinnerung an die schöne natur gibt reichen Ersatz für alle Qual auf dieser Reise. Der ganze Winter soll hier herrlich gewesen sein wie ein italienischer Frühling; als Regen und Schnee mich in Italien verfolgten, ar hier warme Luft und duftendes Grün; seit meiner Ankuft dagegen hatten wir auch hier unsicheres Wetter, Regen und Sturm. Erst seit weinigen Tagen ist der Schnee auf dem Hymettos geschmolzen, der doch ein niedriger Berg ist.

Wer Athen in den letzten sechs bis acht Jahren nicht gesehen hat, wird es jetzt nicht wiedererkennen. Griechenlands Hauptstadt scheint aufzuschießen wie der Kürbis vor der Hütet des Propheten JOnas. Ich sehe förmlich die Stadt wachsen; nach der Akropolis zu liegen wol noch einige Straßen verschüttet, aber rundherum entstehen freundliche zweistöckige Häuser. Das neue Schloß, das der Hauptstraße gerade gegenüberliegt, ist von außen so gut wie vollendet; von dem Universitätsgebäude ist beinahe die ganze Hauptfassade fertig; eine neue Kirke ist auch im Bau.

Am sechsten April war Griechenlands Freiheitsfest. Der Köpnig und die Königin, in griechischer Tracht, und die Minister waren in der Kirche, kriegerische Musik mischte sich in den Gesang der Priester; abends war die ganze Stadt illuminiert. In der Äolusstraße waren mehrere hübsche Transparente mit sinnreichen Inschriften, unter andern eins, worauf ein Ziegenbock an einem Weinstock fraß, und darunter der alte griechische Vers, der deutsch so lautet:.

Frißt du mich auc bis zur Wurzel, doch trag' ich Trauben genug noch,

Wein zu spenden, o Bock, wenn du als Opfer erliegst.

Interessant ist da Osterfest mir gewesen. Karfreitagnacht sah ich die Prozession, welche Christi Sarg unter Trauermusik durch die Straßen trägt; es war in Wahrheit von erhebender Wirkung. Sonnabend war der HOf und das ganze Volk in der Kirche; mit dem Schlage zwölf verkündigte der Priester: "Christus ist auferstanden!" Das Fasten war nun vorüber, das Volk jubelte unter schöner Musik, und "Christus ist auferstanden" erschallte die ganze Nacht; man lief mit brennenden Lichtern durch die Straßen, chüsse knallten, Freudenfeuer brannten, und alle, die sich begegneten, küßten sich mit den Worten "Christus ist auferstanden". Es war, als ob das große Ereignis sich jetzt zugetragen habe und nicht vor Jahrhunderten. Vor dem Theseus-Tempel und selbst durch die Straßen tanzte das frohe Volk in den schönen malerischen Trachten. In langen Reihen mit Chorführern vorauf bewegten sie sich graziös, als ob ein antikes Bild Leben erhalten hätte. Doch davon werde ish einmal besser erzählen.

Meine Abreise ist auf Diensttag festgesetzt. Vorgestern abend hatte ich Audienz bei den Majestäten, dem König und der Königin, die sich lange mit mir unterhielten und höchst gnädig und liebenswürdig waren. Die Königin war in fränkischer Trauerkleidung, da ihr ein Verwandter gestorben, der König dagegen griechisch gekleidet mit dem Fez. Donnerstag segle ich nach Kleinasien und sehe Smyrna und die Ebene, wo Troja stand.

Ende April bin ich in Konstantinopel; von da will ich, wenn die Dampschiffe gehen, über das Schwarze Meer und dann die Donaureise bis Wien machen. Ich denke im Juli in Leipzig zu sein, und dann werden Ihr Haus und das der Lieben Mendelssohn-Bartholdy die ersten sein, die ich aussuche. Möchte ich Sie wohl und munter antreffen! Grüßen Sie Ihren Mann und Schwiegervater und sagen Sie Mendelssohn, daß er längst einen Brief erhalten hätte, wenn ich nur wagte, deutsch zu schreiben. Oft gedenke ich seiner und unsers kurzen Zusammmenseins. Ich bin ziemlich viel mit Prof. Bader aus Leipzig gereist; zuletzt sah ich ihn in Neapel. Ist er bei Ankunft dieses Briefs wieder in Leipzig, so richten SIe ihm einen Gruß aus.

Nun leben Sie wohl!

Ergebenst

Ihr sehr getreuer

H. C. Andersen.

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