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Brev fra H.C. Andersen til Ferdinand Freiligrath 24. august 1843

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Dato: 24. august 1843
Fra: H.C. Andersen   Til: Ferdinand Freiligrath
Sprog: tysk.

Bregentved 24. August 1843

Lieber Freund!

Nach wenigen Tagen fangen schon die Störche ihren Flug nach den Pyramiden an, und noch ist kein Brief von meinem lieben Freiligrath eingetroffen. Bin ich ganz und gar vergessen? Es wird am besten sein, daß ich mit meinem Schreiben anfange, damit ich dasselbe fertig habe, um es dem ersten Storch, der auf die Reise geht, um das Bein binden zu können. "Die weißen Federn wallen, sie blitzen fleißig in dem Sonnenstrahl", und er fliegt von unsern grünen Inseln weg! Ich will dem Zugvogel sagen, daß er über die Hannoveransche Heide und längs den schönen Ufern am Rhein fliegen soll, und wenn er die Brandungen am Lurley hört, soll er sich auf den Balkon setzen da, wo der Dichter wohnt, in dem stillen Städtchen. Er muß mit den Flügeln schlagen, ja, selbst dem Dichter muß er einen guten Flügelhieb über das Herz geben, daß er so den Freund vergißt! Der Storch erzählt dann ein Märchen, dies geht dem Brief voran!

Es war einmal im Reiche der Dichtkunst ein Ritter, jung und kräftig; er ritt oft auf dem Merkur in der Muße, von den Pyramiden in das Land, wo der Mohrenfürst thront. Er war ein starker Schwimmer, er stieg bis in die Wellen; er fuhr mit dem sterbenden Führer nach dem neuen Land der Freiheit. Am Rhein, am grünen Rhein wuchs die Blume seiner Liebe; da liebte er, da lebte er; da saß er und sang seine Lieder. Es war im Frühling: da kam ein fremder Märchenerzähler aus dem Norden: verwandte Herzen sind einander nicht recht frem. Lieder wurden gewechselt: Wein sprudelte, und hübsche Waldblumen blühten in den Gläsern. Es wäre dies ein schönes Kapitel in dem Märchen des Lebens, und im Scheiden rief der Ritter am Rhein: "Bald hörst Du mein Gruß, wie ich den Deinigen", und der Fremde zog gegen Norden. Auf den grünen Inseln, wo die Buchenwälder und die Kleefelder um den Hünengräbern duften, da sitzt er, aber in der engen vernünftigen Stadt, und frägt jede Schwalbe, die kommt: hast Du ein Brieflein für mich? Er fragt den Sperling, selbst die Biene und den bunten Scmetterling, aber keine bringt weder Blatt noch Gruß, und der arme Mann härmt sich - ja - er kann nicht mehr wie früher Märchen erzählen. Wie schlecht es geht damit, das sieht man gerade an diesem, denn dies hat er selsbst gemacht.

So, lieber Freund, ist das Storchenmärchen. Jetzt kommt der Brief: lesen Sie hübsch weiter. Ich denke mir, daß Ihre liebe Frau, mit Ihrem Arm und Ihre Schulter gelehnt, mit in den Brief hineinschaut, lächelt, und darum sind die ersten Worte für sie!

Von St. Goar ging ich nach Bonn, aber ich traf leiderdessen nicht den lieben Simrock. Glücklicher war ich mit Arndt. Er ist ein rechter Biedermann. Welch ehrliches, deutsches Geschlecht! Voll von Gemütt und Seele. Er redete mich schwedisch an, und Sie wissen, daß diese Sprache mit der unsrigen verwandt ist. Als wir zusammen saßen, trat ein junger Mann herein, dessen Gesicht mich im höchsten Grad ansprach, so jugendfrisch und klug. Es war Geibel aus Lübeck, er wollte zu Ihnen nach St. Goar, und ich habe ihm einen ganzen Strauß von Grüßen mitgegeben, und ich hoffe, ein Sänger ist ein sicherer Blumenträger. Von Düsseldorf, wo Aschenbach mich mit einer schönen Skizze beschenkte, und wo Buddeus eine Prachtausgabe meiner Märchen mit Bildern von meinem Freund Speckter besorgt, vielleicht auch von Richter, Schwind und Schrödter, ging ich nach Oldenburg, wo ich eine Glückliche Woche bei einer liebenswürdigen Familie, bei der meine Muse mich eingeführt hatte, verlebte. - In Hamburg, im Theater, traf ich meinen alten Bekannten, Ole Bull, den Geiger; er hatte neulich eine neue Komposition beendigt. Die Idee war: Der Wassergeist, der weint und wirft seiine goldne Harfe in die Wellen, da er hört, es nicht stetig werden kann. Man gab die Stimem von Portici. Bull legte seinen Arm um meine Schulter und fing an, seine Kompositionen ganz leicht zu singen, deutete alle Instrumente, Pauken, Trompeten und Klarinetten. Es war bisweilen ein wenig zu stark, und fand dann eine Pause im wirklichen Orchester statt, hörte man Bulls Trompeten tra tra! und Violine "ihe!" "ihe!" Das Parterre zischte, aber ich hörte di Komposition zu Ende und fand si eigentümlich und poetisch.

In Holstein verweilte ich vierzehn Tage bei dem Staatsminister Rantzau. Der "Bazar" gibt Ihnen ein Bild von dem Orte und von der liebenswürdigen Gastfreiheit dort. In Kiel - ich hatte schon das Dampschiff betreten, es sollte abgehen - da kam Ernst, der Vilinspieler, der gerade eingetroffen war, gelaufen. Wir sahen einander zum ersten Mal, wechselten Grüße, und dann ging es in einer stürmischen Nacht über die Wellen. - Den nächsten Vormittag war ich in Kopenhagen in dem Haus, das ich meine Heimat in der Heimat nenne, bei Collins.

Nach etlichen Tagen flatterte ich wieder fort, aber immer in der Heimart. Erst nach Soröe, einem stillen Städtchen wo der Grass auf den Straßen wächst und die Natur ringsum Grabgedanken weckt; es ist hier wie ein Friedhof mit großen, weißen Bäumen, aber mit lebendigen, liebenswürdigen Menschen. Hier leben Ingemann und Hauch, die Poeten von Soröe, ganz nach Fühnen. Auf dem Gute Langesöe singt die ganze Natur: Waldeinsamkeit. Hier deht sich ein See zwischen hochgelegenen Wäldern. Es könnte ein Einsiedlei für Tiecks Muse sein. Das zweite Gut, wo ich lebte, Holstenshuus, liegt sehr hoch nach der Lage in Dänemark. Man sieht die ganze Umgebung wie in einem Vogelperspektiv. Die Ostsee bretiet sich vor dem Auge weit aus und erweckt Reiselust. Jetzt, die letzten Tage, bin ich in Seeland bei dem Finanzminister Moltke auf Bregentved, dem schönsten Eigentum im Walde. Die Vignette zeigt die Gartenstube. Die ganze Anlage kann sich mit dem schönsten Park in England messen. Alles ist großartig und schön. Schöne Gemälde schmücken die großen Sääle. Morgen gehe ich nach Kopenhagen;ich freue mich nicht sehr darauf.

Heiberg ist das große Orakel, das die Kritik der Menge bietet. Ich gehöore, wie Sie wissen, nicht zu seinen Schooßkindern; er bringt mich nur an in der Fabrik der poetischen Dilettanten, und die Frommen glauben dem Worte des Herren. - Ja, ja, ich weiß es wohl, zu Hause wird noch mancher Wellenschlag über mich ergehen, aber ich tauche wieder auf; schicken Sie mir denn einene warmen Sonnenstrahl in einem Briefe, damit ich Mut trinken kann, denn sonst gehet es schlecht mit dem Schwimmen. Aber Spaß bei Seite - est tut mir wirklich leid, daß Heiberg mich nicht vesteht oder nicht verstehen will; nicht weil die Kopenhagern einen großen Glauben von ihm nähmen, aber weil ich, der ihm von Gott Gegebene, ihn sehr schätze, und es ist mir peinlich, daß ich böse auf ihn sein muß - doch es kommt wohl wieder ins Gleis, wenn wir einmal Hand in Hand miteinander durch die große Ewigkeit fliegen sollen. Oehlenschläger hat ein neues Lustspiel geschrieben: Garrick. Ingemann schreibt einen Zýklus von Liedern. Jeder behandelt das Historische und Poetische der verschiedenen Städte Seelands und Fühnens. Hauch schreibt einen neuen Roman. Kennen Sie "Die polnische Familie", "Der Goldmacher" und "Wilhelm Habern"? Holst schreibt sizilianische Novellen. Ich bin bei der letzten Abteilung des Ahasverus. Ein neuer Roman spukt mir im Kopf.

Grüßen Sie ihre liebenswürdige Frau, auch den guten Sänger Geibel und den freundlichen Herrn aus St. Goar, mit dem ich anstieß, als die Waldblumen im Maigetränk blühten.

Leben Sie wohl und singen Sie fleißig, aber das Schreiben an mich ist auch nötig, denn ich sehne mich darnach. Grüßen Sie die Schwester Ihrer Frau

Ihr wahrer Freund

H. C. Andersen

Meine Adresse ist. Konferenzrat, Großkreuz, Theaterdirektor Collin in Kopenhagen

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Lieber Freund!

Nach wenigen Wochen fangen schon die Störche ihren Flug nach den Pyramiden an, und noch ist kein Brief von meinem lieben Freiligrath eingetroffen. - Bin ich ganz und gar vergeßen? Es wird ambesten sein, daß ich mit meinem Schreiben anfange, damit ich dasselbe fertig habe, um es dem ersten Storch, der auf die Wanderschaft geht, um das Bein binden zu können. "Die weißen Federn wallen, und er fliegt von unsern grünen Inseln weg! Ich will dem Zugvogel sagen, daß er über die hannoveransche Heide und längs den schönen Ufern am Rhein fliegen soll, und wenn er die Brandungen am Lurley hört, soll er sich auf den Balcon setzen, da wo der Dichter wohnt in dem stillen Städtchen. Er muß mit den Flügeln schlagen, ja selbst dem Dichter muß er einen guten Flügelhieb über das Herz geben, daß er so den Freund vergißt! Der Storch erzählt dann ein Märchen, dies geht dem / Brief voran: Es war einmal im Reiche der Dichtkunst ein Ritter, jung und kräftig; er ritt oft auf dem Wacker in der Wüste, von den Pyramiden in das Land, wo der Mohrenfürst thront. Er war ein starker Schwimmer, er stieg bis an die versunkenen Kätten unter den Wellen; er fuhr mit dem sterbenden Führer nach dem neuen Lande der Freiheit. Am Rhein, am grünen Rhein wuchs die Blume seiner Liebe; da liebte er, da lebte er; da saß er und sang seine Lieder. Es war im Frühling: da kam ein fremder Mährchen-Erzähler aus dem Norden: verwandte Herzen sind einander nicht fremd. Lieder wurden gewechselt: Wein sprudelte, und frische Waldblumen blühten in den Gläsern. / Es war dies ein schönes Kapitel in dem Mährchen des Lebens, und im Scheiden rief der Ritter am Rhein: "Bald hörst Du meinen Gruß, wie ich den Deinigen", und der Fremde zog gegen Norden. Auf den grünen Inseln, wo das Geld der Poesie so reif unter der Erde legt, wo die Buchenwälder und die Kleefelder um den Hünengräbern duften, da sitzt er, aber in der engen vernünftigen Stadt, und frägt jede Schwalbe, die kommt: hast Du ein Brieflein für mich? Er frägt den Sperling, selbst die Biene und den bunten Scmetterling, aber keine bringt weder Blatt noch Gruß, und der arme Mann härmt sich - ja - / er kann nicht mehr wie früher Märchen erzählen. Wie schlecht es damit geht, sieht man gerade an diesem, denn dies hat er selbst gemacht.

So, lieber Freund, ist das Storchenmährchen. Jetzt kommt der Brief: lesen Sie hübsch weiter, ich denke mir, daß Ihre liebe Frau, mit ihrem Arm auf Ihre Schulter gelehnt, mit in den Brief hineinschaut, lächelt und darum sind die ersten Worte für sie!

Tekst fra: Solveig Brunholm (microfilmscan 13, 746-49)