Dato: 18. november 1858
Fra: Friederike Serre, f. Hammerdörfer   Til: H.C. Andersen
Sprog: tysk.

Brief Friederike Serres an Andersen

Dresden am 18. November 1858

Teuerster, verehrter Freund!

Lange hatte ich die Absicht Ihnen zu schreiben, aber ich lebte die letzte Zeit in solchen Wirrwarr und steter Sorge, daß ich keine ruhige Stunde dazu fand! Denken Sie, ein Brief von Ulri­ke von Pogwisch, Frau von Goethes Schwester, rief mich zur Stadt. Sie wollte durch Dresden reisen, eine Nacht bei mir wohnen und dann über Wien zu ihrer Schwester nach Venedig eilen. Ich hole sie von der Eisenbahn, wir plaudern den Abend zusammen, den an­dern Mittag fahre ich sie auf die böhmische Bahn, gehe einige Schritte voraus und höre hinter mir sofort einen Schrei! Da liegt sie im Blute, was aus Mund und Nase strömt, ohnmächtig! Ein jäher Schwindel hatte sie befallen. Sie können sich meinen Schreck denken. Ich schicke gleich eine Droschke zum Arzt - ei­ne andere zu Wolf - man hilft sie in meinen Wagen heben und so bringe ich sie wieder in mein Haus. Sofort wird in meinem Ka­binett ihr Lager zurecht gemacht - und die größte Ruhe und Pflege haben sie in drei Wochen so weit hergestellt, daß sie vor einigen Tagen ihre Reise nach Wien fortsetzen konnte. Sie begreifen, wie die Patientin alle Gedanken und Zeit, Tag und Nächte in Anspruch nahm - Gottlob, daß alles glücklich vorüber gegangen ist. Frau von Goethe hat mir aus Triest geschrieben, wo sie lange von einem Sturm festgehalten wurde, der die überfahrt verhinderte und so über Kälte klagt - nur wie im Norden-denn Schnee bedeckte alle Höhen.Längst auch bei uns ist Schlittenbahn und ich bin froh, in der Stadt heimisch zu sein. Noch immer hat Serre nur sichere Versprechungen, aber keinen schriftlichen offiziellen Genehmigungsschein zu seiner Lotterie, was ihn ganz trostlos macht! Bald reiste er nach Berlin, bald nach Leipzig und Weimar in dieser Ange1e­genheit. Sie kennen seine Unruhe. Leider hat der Herzog v.Wei­mar sein Versprechen mit der Villa zurückgenommen, und außer seiner Protektion jede andere Zusicherung, was Serre sehr un­glücklich und ärgerlich macht - so wird auch mein Verkehr mit ihm, der so freundlich war, zu Ende sein.

Gestern kam eine Kiste mit den schönen Grafensteiner Apfeln an, sofort schickte ich Gr.Moltke ein Körbchen voll, die sie überaus schmackhaft findet. Ich begreife nicht, warum sie sich keine schicken läßt. Aber wie soll ich nur Frau v.Scave­nius für so viel Güte danken. Soll ich ihr schreiben oder wol­len Sie der Dolmetscher meines dankbaren Herzens sein? Wenn ich nur so glücklich sein sollte, erst ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, mich verlangt wahrhaft danach!

­Den ersten Apfel von meinen gepfropften Zweigen schicke ich ihr zu - wäre es nicht zu unbescheiden - so bitte ich im Früh­jahr noch um einige Pfropfreißer.

­Was Kühnes Aufsatz anbe1angt,so habe ich mich geirrt.Haben Sie denn den Entschuldigungs - und Erklärungsbrief gelesen, von Dickens der wegen seiner Ehescheidung in fast allen Zei­tungen stand? ebenso wie die Rezension über Gutzkows Zau­berer von Rom? Sie klingt freilich nicht wohlwollend. Noch immer scheint keine deutsche übersetzung erschienen zu sein von Ihren letzten Märchen,wie geht das zu ? Fräulein Mühlenfels ist wieder hier - und war erstaunt, einen von Ihnen versprochenen Beitrag zu ihrem Marienbader Buche nicht vorzufinden! - Wie geht es unserm jungen Drewsen? Denkt er noch an Dresden?

Ich denke, Graf Moltke kommt zum Geburtstag seiner Frau, den 2ten Dezember hier an. Sie findet schon, daß Margaret ihr sehr überflüssig ist. Es wird nicht lange mit ihr dauern und unser Verhältnis ist gestört. (Ende ohne Unterschrift)

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Dresden am l8. Nvbr. [1858]

Theuerster und verehrter Freund!

Lange hatte ich die Absicht Ihnen zu schreiben aber ich lebte die letzte Zeit in solchem Wirwar, und steter Sorge – daß ich keine ruhige Stunde dazu fand! Denken Sie, ein Brief von Ulrike v. Pochwisch [Pogwisch] Frau v. Göthes Schwester, rufte mich zur Stadt, sie wollte durch Dresden reisen, 1 Nacht b[e]y mir wohnen und dann über Wien zu ihrer Schwester nach Venedig eilen; ich hohlte sie von der Eisenbahn, wir plaudern den Abend zusammen, den andern Mittag fahre ich sie auf die bömische Bahn, gehe einige Schritte voraus, und höre hinter mir sofort einen Schrei! - Da liegt sie, im Blute was aus Mund und Nase strömt, ohnmächtig! Ein jäher Schwindel hatte sie befallen – Sie können meinen Schreck denken, ich schicke gleich eine Troschke [sic] zum Arzt – eine andere zu Wolf – man hilft sie in meinen Wagen heben – und so ./. bringe ich sie wieder in mein Haus. Sofort wird in meinem Cabinet ihr Lager zurecht gemacht – und die größte Ruhe und Pflege, haben sie in 3 Wochen so weit hergestellt, daß sie vor einigen Tagen ihre Reise nach Wien fortsetzen konnte. Sie begreifen, wie die Patientin alle Gedanken und Zeit, Tag und Nächte in Anspruch nahm – Gott lob – daß Alles glückl. vorüber gegangen ist. Fr. von Göthe hat mir aus Triest geschrieben, wo sie lange von einem Bora festgehalten wurde, der die Überfahrt verhinderte – und so über Kälte klagt – wie wir im Norden — denn Schnee bedeckte alle Höhen. Längst auch b[e]y uns ist Schlitterbahn und ich bin froh in der Stadt heimisch zu sein! -

Noch immer hat Serre nur sichere mündl.Versprechungen, aber keinen schriftl. officiellen Genehmigungs Schein zu seiner Lotterie – was ihn ganz trostlos macht! Bald reiset er nach Berlin, bald nach Leipzig und ./. Weimar in dieser Ange1egenheit, Sie kennen seine Unruhe. Leider hat der Herz. v. W. sein Versprechen mit der Villa zurück genommen; und außer seiner Protection jede andere Zusicherung, was Serre sehr unglücklich und erzürnt macht – so wird auch mein Verkehr mit ihm, der so freundl. war, zu Ende sein! —

Gestern kam eine Kiste mit den schönen Grafensteiner Äpfeln an, sofort schickte ich .G[räfin]. Moltke ein Körbchen voll, die sie überaus schmackhaft findet, ich begreife nicht, warum sie sich keine schicken läßt. Aber wie soll ich nun Frau v. Scavenius für so viel Güte danken, soll ich ihr schreiben, oder wollen Sie der Dollmetscher meines dankbaren Herzens sein? Wenn ich nur so glücklich sein sollte erst ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, mich verlangt wahrhaft danach! — Den 1t Apfel von meine gepfroften Zweigen schicke ich ihr zu – wäre es nicht zu unbescheiden ./. - so bäte ich im Frühjahr noch um einige Pfropfreißer! – Was Kühnens Aufsatz anbe1angt – so habe ich mich geirrt.

Haben Sie denn den Entschuldigungs- und Erklärungsbrief gelesen, von Dickens der wegen seiner Ehescheidung in fast allen Zeitungen stand? – eben so wie die Recenzion über Gutzkows Zaubrer in Rom? sie klingt freilich nicht wohlwollend.

Noch immer scheint keine deutsche Uebersetzung erschienen zu sein, von Ihren letzten Märchen; wie geht das zu ? -

Fräulein Mühlenfels ist wieder hier, und war erstaunt, einen von Ihnen versprochenen Beitrag zu ihrem Marienbader Buche nicht vorzufinden! – Wie geht es unsern jungen Drewsen? Denkt er noch an Dresden?

Ich denke Graf Moltke kommt zum Gebt. seiner Frau, den 2 Decbr. hier an – sie findet schon, daß Margaret ihr sehr überflüßig ist, es wird nicht lange mit ihr dauern und unser Verhältniß ist gestört – ./. Wie innig habe ich Theil genommen über den Verlust Ihrer Freundin mit der Austria! Herrn v. Bagerkes Frau hat ihren Bruder, Schwägerin 4 Kinder dabey verloren, und nur ein schwächlicher verwachsener Knabe der 2te Sohn ist gerettet worden, sie [sic] kennen vielleicht diese Familie, die seit Jahren in Dresden lebte! –

Tägl. zittere ich für das Leben der armen Fr. v. Zöllner! Ach, das Leben wird ärmer und leerer je älter man wird – und hie und da scheidet ein treues Herz was man geliebt und was uns liebte, darum umfaßt man mit doppelter Anhänglich¬keit die uns noch Gebliebenen! –

Den 27. ist Graf Hoffmanecks Hochzeit.

Minna ist jetzt sehr glücklich, ich habe ihre älteste Nichte aus Flatow kommen laßen, ihr zur Gesellschaft für den Winter, ein liebes harmloses Kind. ./.

Diesen Winter bringt die Schröder-Devrient [over linjen: Frau v. Bock] hier zu – sie wohnt in dem Quartier der Göthe! Sie singt in Concerten zu guten Stiftungen – und in Privat Gesellschaften - auch b[e]y uns erbot sie sich dazu; ihre Stimme soll schöner sein, wie je!

Sigwald grüßt sehr! Sollten Sie Carl Andersen sehen, so sagen Sie ihn viel Herzliches und ich hätte mit Freude seinen langen Brief empfangen. Auerbach läßt fragen, ob sein Barfussele ins Dänische schon übersetzt ist.

Ein langer Brief von Clara Heinke aus Berlin hat mir von allen ihren Erlebnißen mitgetheilt! –

Aber mein Brief erreicht kein Ende, es ist mir so eine Freude mit Ihnen zu plaudern! –

Behüthe Sie Gott! Serre und das ganze Maxner Haus will Ihnen empfohlen sein. In Treue

Ihre Fr. Serre

Tekst fra: Niels Oxenvad (KB affoto4886-88, 4895-96)