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"Geschichte der deutschen Nationalliteratur im neunzehnten Jahrhundert"

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Geschichte der deutschen Nationalliteratur im neunzehnten Jahrhundert

Geschichte der deutschen Nationalliteratur im neunzehnten Jahrhundert von Julian Schmidt. Zweiter Band. Leipzig. Freidrich Ludwig Herbig. 1853.
Inhalt (s. VII):
Novellistische Versuche. 2. Reactionäre Stimmung in der Poesie – die Reisen – Fürst Pückler – Sealsfield – Hackländer – Phantastische Literatur – Rückkehr zur Wirklichkeit – Adelbert Stiffter – Berthold Auerbach – Jeremias Gotthelf.
Men inde i bogen på s. 378 – er HCA pludselig tilføjet.
s. 378: Siebentes Kapitel.
Novellistische Versuche. II.
Reactionäre Stimmung in der Poesie – Die Reisen – Fürst Pückler – Sealsfield – Hackländer – Phantastische Literatur – Andersen – Rückkehr zur Wirklichkeit – Adelbert Stifter – Berthold Auerbach – Jeremias Gotthelf.
s. 388 [ ...] Da nun aber dieser neugewonnene Realismus des Styls sich nicht sogleich den Kunstwerken anbequemen wollte, war es natürlich, daß die Poesie sich zunächst in die phantastische Welt warf, um an ihr eine Natur zu finden, an der man wieder Freude haben könne, und daß sie sich bei der Unfähighkeit, etwas Großes und Ganzes mit lebendiger Energie zu umfassen, in das Detail, in das Kleinleben der Natur und der Menschen vertiefte. [389] Diese Freude am Detail, dieses sinnige und geistvolle Auge für das Kleinleben der Natur und derr Seele ist es, was Andersen eine berechtigte und werthvolle Stellung in der Entwicklung der neuern Literatur giebt. In der Regel finden Dichter, deren Virtuosität ins' Kleine geht, bei einer fremden Nation schwer Eingang, weil in ihrem Detail eine Menge von Beziehungen vorkommen müssen, die dem Fremden nicht verständlich sind. Andersen aber hat in Deutschland so viel Wohlwollen gefunden, daß er hier fast ebenso zu Hause ist, wie in seinem Vaterland Dänemark. Seine Poesie kam gerade zur rechten Zeit für Deutschland,um zu zeigen, daß man noch Freude an den Gegenständen haben könne. Seine Märchen sind mit Recht in alle Kreise des Volks eingedrungen. Ihre humoristisch-phantastische Färbung ist ganz frei von aller Geziertheit, und nur sehr selten wird der Dichter sentimental, die Einfälle sind überall ebenso zierlich als überraschend; seine zahlreichen, bunt ausgeführten Figuren haben ebensowening von dem bittern Ernst des wirklichen Lebens, als von dem farblosen Idealismus eines aus Modejournalen copirten Märchenbildes. Allerliebst ist es, wie der Dichter mit dem Pantheismus einer gemüthvollen Kinderseele die ganze Welt humanisirt, von der Sonne und den Planeten bis herab zu einem Pantoffel und einer schmutzigen Gaslaterne. Es ist nicht die bequeme Manier, einem beliebigen belebten oder unbelebten Gegenstand Worte in den Mund zu legen und wohl oder übel einen Dialog zwischen vernunftlosen Wesen hervorzuspinnen; wir werden ernstlich in die Seele der Tische, Stühle, Violinen, Elfen, Kobolde versetzt; wir fühlen des Dichters psychologischen Blick bis in die alte abgebrochene Stopfnadel hinein; wir emfinden lebhaft, wenn dieser Kater, dieser Contrebaß, dieses Immergrün Gedanken hätte, so müßten sie so und nicht anders denken. Selbst dem alten Peter Schlemihl und seinem verloren gegangenen Schatten weiß Andersen eine neue humoristische Seite abzugewinnen. Andersen ist eine ächte Dichternatur, welche die verkehrte Welt der Romantik mit Anmuth und Grazie zu einem harmonischen Bilde umschafft. Ebenso ansprechend ist das innige Stillleben der Natur aufgefaßt; der Tannenbaum, der in seiner Kindheit sich ärgert, wenn die Hasen über ihn hinwegspringen, bis er endlich abgehaun und nach kurzem, unbequemen Glanz am Weihnachtsabend in die Polterkammer geworfen wird, wo er ein paar ehrlichen Mäusen Geschichten erzählt, und endlich[/390] den Tod in den Flammen findet; das Fliedermütterchen, das dem alten Ehepaar die Sagen aus der Laube in die Ohren flüstert und sich kochen läß, um als Thee dem Knaben, der den Schnupfen hat, Träume von einer bunten, luftigen Zukunft einzuathmen; die Schneekönigin, die im Fensterfrost die phantastische Herrlichkeit ihres Zauberschlosses am Nordpol abspiegelt; der Erlenhügel, auf dem die Kobolde aus allen Gegenden und Sagen zusammenkommen, um sich an ihren gegenseitigen Sprüngen zu belustigen. Unter den Thieren liebt der gemüthliche Dichter vor allen die Störche. Sie haben etwas Heimliches, sie sind die Schutzgeister eines friedlichen Herdes, und doch bringen sie wunderbare Sagen aus dem südlich schönen Lande ihrer dichterischen Heimath, freundlich grüßend auf jeder neuen Wanderung in das vertraute Strohdach herüber. Ueberall sind wir in einer lieblichen Traumwelt, nicht in jenen hastigen Seelenbewegungen, die aus einem Ueberquellen des heißen Bluts entspringen, sondern in den leichten Morgenträumen, die wie auf einem bunt wechselnden Abendgewölk neckisch an unserm innern Gesicht vorübergleiten, und in denen wir mitunter einen glücklichen Blick in die Natur der Dinge thun, den Abglanz einer wahren Anschauung, die in dem Gewühl des Tageslebens unbeachtet an uns vorüberging. – Vortrefflich ist auch sein Bilderbuch ohne Bilder. Der Mond erzählt, was er auf seinen Wanderungen sieht; ein Ganzes kann er nicht geben, denn er sieht nur die Nachtseite der Natur, aber die einzelnen bunten Gestalten krystallisiren sich zu einem reizenden Farbenspiel. Er folgt dem gazellenäugigen Hindumädchen in das Dickicht an dem Ufer des Ganges, wenn sie für ihren Geliebten betet; er belauscht das kind, wie es sich in den Hühnerhof schleicht, um der Henne ein eingebildetes Unrecht abzubitten; er schaut in die grönländische Sommernacht, wie sie einen Todten unter die ewigen Eisberge versenken,und wie die Robben um ihn spielen; er verklärt mit seinem sinnigen Strahl eine junge schöne Sängerin, die in der Stadt der Todten auf den Trümmern des Amphitheaters die modernen italienischen Coloraturen vor einer luftigen Reisegesellschaft erschallen läßt, hinter ihr der dunkle Vesuv mit seiner schlank aufsteigenden Feuerlilie, und er blickt mit trübem Mitgefühl auf die arme Tochter der Schande, die noch in ihrer Agonie gezwungen ist, sich mit geschminkten Wangen und bekränztem Haar nächtlich vor das erleuchtete Fenster zu setzen.
[391] Freilich ist die vorherrschende Stimmung dieses Dichters, die Gemüthlichkeit, die mit den Gegenständen spielt und sich von den Eindrücken nur anhauchen läßt, ohne sie tiefer in sich aufzunehmen, noch nicht das rechte Heilmittel für jene Blasiertheit, deren letzter Grund der Mangel an sittlichem Ernst ist. In jener anmuthigen Märchenwelt liegt vielmehr schon der Keim zu einer neuen Unnatur. Das wirkliche Ideal des Lebens und der Poesie liegt doch nicht in Gras und Kräutern, nicht in Ruinen und Steinbrüchen, nicht in träumerischen Wolkenzügen und luftigen Elfengestalten, sondern in der Menschenwelt mit dem ganzen Ernst ihrer sittlichen Verhälltnisse. Etwas von dieser Unnatur finden wir auch in dem deutschen Dichter, der mit Andersen am meisten verwandt ist, in Adelbert Stiffter. In der Vorrede zu den 'bunten Steinen' spricht er sich sehr schön darüber aus, daß man sowohl in der Betrachtung [...]

(Bibliografisk kilde: HCAH 2003/237)

Udgivet 1853
Sprog: tysk
Kilde: H.C. Andersen-Centrets bibliografiske optegnelser   Bibliografi-ID: 16459
[Informationer opdateret d. 2.2.2012]