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Praktische Probleme bei der Übersetzung von Hans Christian Andersens Reiseliteratur

Als erstes möchte ich um Verständnis dafür bitten, daß ich lieber auf deutsch von meinen Übersetzungsproblemen bei Hans Christian Andersens Reiseliteratur sprechen möchte - nicht nur, weil ich mich in meiner Muttersprache besser bewegen kann, sondern auch, weil diese Probleme vor allem mit der Zielsprache, mit der von mir herzustellenden neuen Textform zu tun haben.

Hier in Odense ist es gewiß nicht notwendig, die Bedeutung von Andersens Reiseliteratur besonders hervorzuheben, anders als in deutschsprachigen Ländern, in denen Andersen heutzutage nur noch als der Märchendichter im Bewußtsein ist. Und es bedarf sicherlich keiner weiteren Erklärung, daß wir bei der Konzipierung von "Ausgewählten Werken in Einzelausgaben" für den Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar und für den Verlag Müller & Kiepenheuer Hanau als Lizenznehmer der Reiseliteratur einen Platz gleich hinter den Märchen eingeräumt haben, um sie dann, bis auf wenige kurze Einzeltexte, in vier Bänden so gut wie vollständig zu publizieren. Vielleicht bedarf es aber doch einer Erklärung, daß mit einer Ausnahme - Eines Dichters Basar, wo ich eine alte anonyme Übersetzung bearbeitet habe - alle Texte neu übersetzt und herausgegeben wurden, auch wenn sie bereits einmal oder mehrfach übersetzt waren. Der Grund dafür ist zum einen, daß im 19. Jahrhundert generell mit einem anderen Verständnis von Werktreue und Urheberrecht übersetzt wurde, und zum anderen, daß Andersen seinen überragenden deutschen Übersetzer nicht gefunden hat. Das ist eine Behauptung, die natürlich im einzelnen nachzuweisen wäre, aber diese Aufgabe möchte ich anderen überlassen. Wenn ich selbst übersetze, sehe ich grundsätzlich nicht in schon vorhandene Übersetzungen und hätte von einem solchen Blick nur Verunsicherung und Irritation zu erwarten. Ich muß zu jedem Text meine persönliche Einstellung suchen und glaube, nur so zu einer eigenständigen, stilistisch kohärenten Übersetzung gelangen zu können. Eine Mixtur aus dem Besten aller vorliegenden Übersetzungen eines Werks, falls überhaupt praktisch möglich, ergibt nach meiner Ansicht nicht die beste Übersetzung, sondern eine entindividualisierte, auch wenn sich die Zahl der direkten Übersetzungsfehler dadurch verringern ließe. Freilich ist mir doch aufgefallen, daß zur gleichen Zeit, als bei uns Schattenbilder von einer Reise in den Harz, die Sächsische Schweiz etc. etc. im Sommer 1831 erschien, auf dem deutschen Buchmarkt noch immer eine alte anonyme Übersetzung von Skyggebilleder vertrieben wurde, deren Titel lautet: Reiseschatten von einem Ausfluge nach dem Harz, der Sächsischen Schweiz im Sommer 1831 - und ich frage mich bis heute, was "Reiseschatten" sein sollen.

Im einzelnen haben wir Andersens Reiseliteratur auf die folgenden Bände verteilt:

I
Die frühen Reisebücher: Fußreise von Holmens Kanal zur Ostspitze von Amager in den Jahren 1828 und 1829 / Schattenbilder von einer Reise in den Harz, die Sächsische Schweiz etc. etc. im Sommer 1831 / Bilderbuch ohne Bilder (1840). 1984. 377 S.
II
Eines Dichters Basar (1842). 1984. 522 S.
III
Reisebilder aus Schweden und England: In Schweden (1851) / Ein Besuch bei Charles Dickens (1857). 1985. 235 S.
IV
Reisebilder aus Spanien und Portugal: In Spanien (1863) / Ein Besuch in Portugal 1866. 1988. 406 S.

Es erscheint, gelinde gesagt, vermessen, wenn sich jemand an das Herausgeben und Übersetzen von Reisebüchern macht, der die darin geschilderten Länder, bis auf einige Gegenden des östlichen Deutschlands, niemals mit eigenen Augen gesehen hat. Noch vermessener kann es nur sein, Bücher aus einer Sprache zu übersetzen, ohne das Land gesehen zu haben, in dem sie gesprochen wird. Auch dessen habe ich mich in den ersten Jahren meiner übersetzerischen Tätigkeit schuldig gemacht, aus Gründen, die nicht weiter erklärt zu werden brauchen. Natürlich hat Wilhelm von Humboldt recht, wenn er im Jahre 1800 an Goethe schreibt: "Aber um eine fremde Nation eigentlich zu begreifen, um den Schlüssel zur Erklärung ihrer Eigentümlichkeit in jeder Gattung zu erhalten, ja selbst nur um viele ihrer Schriftsteller vollkommen zu verstehen, ist es schlechterdings notwendig, sie mit eigenen Augen gesehen zu haben",1 denn wer ist schon ein Friedrich Schiller, der den Wilhelm Tell ohne persönliche Kenntnis der Schweiz schreiben konnte.

Andererseits waren hier nicht Sachbücher oder Reiseführer zu übersetzen, sondern literarische Texte, in denen die Individualität, die künstlerische Eigenart des Autors dominierend ist. "In den besten Reisebeschreibungen interessiert uns doch der Reisende am meisten, wenn er sich nur zeigen mag. Wer eine Reise beschreibt, beschreibt damit sich immer auch selbst", vermerkt dazu Jean Paul, und noch prononcierter formuliert das Andersens Landsmann Jens Baggesen in Das Labyrinth oder Reise durch Deutschland in die Schweiz 1789: "Nehme ich die lediglich zählenden, messenden, absteckenden, kopierenden und silhouettierenden Beschreibungen nur sichtbarer Gegenstände aus, mit denen gewisse nützliche Finger die Geographie unter der Bezeichnung 'Reisen' bereichert haben und die man vielleicht nicht ganz falsch allesamt unter der Bezeichnung die mathematischen zusammenfassen könnte - in deren ordentlichen Abteilungen man nur mit der leblosen Welt oder eigentlich mit den Figuren der Materie Bekanntschaft schließt und nach Phänomenen der Geisteswelt vergeblich sucht wie in einem Kunstkabinett nach Leben -, nehme ich diese ansonsten sehr achtbaren und in vieler Hinsicht unveräußerlichen Hand-Werke aus, so bin ich der Ansicht, daß nichts in einer Reisebeschreibung notwendiger ist als ein Reisender."2

Andersen entspricht solchen Forderungen und gibt in allen seinen Reisebüchern vor allem Auskunft über sich selbst: er war gewiß kein mathematischer Beschreiber, sondern prägte eine eigenständige Form des literarischen Reisebildes aus, das von Heinrich Heine nicht unbeeinflußt war - eine bunte Mischung aus Beobachtungen und Impressionen, aus Reflexionen und Bildungsdokumenten, Geschichten oder Ansätzen zu Geschichten, aus Lyrik oder Lyrikähnlichem und gelegentlich auch kleinen dramatischen Versuchen. Es ist eine Form, in der Andersen, stets vom tatsächlichen Verlauf der Reise ausgehend, ohne sich sklavisch daran zu halten, unbekümmert mit allen Genres und frei vom Zwang zu Fabel und Handlung spielt und seiner Phantasie die Zügel läßt. Freilich steht der Frische und Unmittelbarkeit bei der Schilderung von Landschaften und dem von Andersen so geliebten "Menschengewimmel", den humorvoll-ironischen Betrachtungen über Reiseleben und Reiseleiden in Postkutsche, Dampfschiff und Eisenbahn auch ein Hang zum Moralisieren gegenüber, der ja auch in seinen Märchen spürbar ist, und eine fast ängstliche Beflissenheit, Bildung auszubreiten, um zu beweisen, daß "man das weiß".

Doch alledem muß sich der Übersetzer stellen, wie bei jedem Autor, der nun mal Stärken und Schwächen hat. Dabei ist, wie immer beim literarischen Übersetzen, eine möglichst innige Beziehung zwischen Übersetzer und Autor erforderlich, und die Personalunion von Übersetzer und Herausgeber (der für Textauswahl, Anmerkungen und Nachwort steht) dabei günstig. Zwischen beiden Tätigkeiten bestehen Unterschiede: während sich der Kommentator wertend-bewertend auf einen etwas erhöhten Standpunkt stellt, um Autor und Werk im historischen Zusammenhang zu überschauen, stellt sich der Übersetzer geschwisterlich daneben, um bei Aufnahme und Wiedergabe eine größtmögliche Nähe zu erreichen. Wie aber kann er das, wenn "sein" Autor seit mehr als hundert Jahren tot ist und also eine wesentlich ältere Sprache spricht?

Das ist für jeden Übersetzer, der sich mit größeren Zeiträumen beschäftigt, ein grundsätzliches Problem. Und lesen denn dänische Leser Andersen heutzutage noch genauso, wie ihn seine Zeitgenossen lasen? Der besondere Andersen-Ton, der so schwer, wenn überhaupt, in andere Sprachen zu übertragen ist, trifft bei seinen Landsleuten wohl auch heute noch auf einen Nerv, doch bei Lesungen professioneller Schauspieler ist eine leise, mitunter deutliche ironische Distanz zu spüren - jedenfalls kommt mir das mit nicht-dänischen Ohren so vor. Mir ist als Übersetzer von vornherein klar, daß es nicht möglich ist, Andersen in genau die Sprache zu übertragen, die in der deutschen Literatur um die Mitte des 19. Jahrhunderts allgemein gebräuchlich war. Zum einen nimmt man als Übersetzer den Text mit dem Verständnis seiner eigenen Zeit und seinen entsprechenden objektiven und subjektiven Voraussetzungen auf, und obgleich Übersetzen mit Interpretieren nicht gleichzustellen ist, hat es eine interpretatorische Seite. Zum anderen läßt sich auch bei intensiver Beschäftigung mit literarischen Werken vergangener Jahrhunderte - und sie sollte zu den Vorbedingungen einer solchen Arbeit gehören - doch nur ein passives Wissen erwerben. Der Übersetzer muß aber bei seiner reproduzierenden Tätigkeit Sprache lebendig handhaben, er kann letztlich nur das ihm aktiv verfügbare Wortmaterial, eine ihm geläufige Syntax einsetzen, und dadurch wird der Originaltext zwangsläufig verjüngt. Eine museale Betrachtungsweise, eine künstliche Archaisierung birgt in sich die Gefahr der Parodie, der Altertümelei.

Andererseits geht es nicht an, den zeitlichen Abstand ganz und gar aufzuheben und einen Autor des 19. Jahrhunderts mit Hilfe von Neologismen u.ä. gewaltsam ins 20. Jahrhundert zu transportieren, ihn sozusagen doppelt zu übersetzen. Ein Hauch von Patina sollte schon bleiben, durch die Wahl älterer Wortformen, durch häufigere Verwendung des Konjunktivs, durch einzelne Signale also. Dagegen halte ich übertriebenen Gebrauch des Dativ-e heutzutage für äußerliches Kokettieren und Pseudopoetisieren. Am wichtigsten erscheint mir der sorgsame Umgang mit der Syntax, nicht nur, weil die Kunst des Satzbaus im 19. Jahrhundert durchgängig (von Ausnahmen abgesehen) ausgeprägter war als heute und uns durchaus als Vorbild dienen könnte. In den syntaktischen Konstruktionen manifestiert sich der sprachliche Rhythmus eines Autors, und der hat nach meiner Ansicht eine überragende Bedeutung. Für ebenso wichtig halte ich die rhythmische Stimmigkeit einer Übersetzung, die eben auch vom individuellen Sprachrhythmus des Übersetzers abhängig ist, der mit dem des Autors durchaus differieren kann. Über solche Fragen habe ich mich bisher nur mit Kollegen und Literaten, und nur empirisch, nicht aber mit Übersetzungswissenschaftlern und Kritikern verständigen können.

Auch für den nicht-dänischen Leser sollte deutlich werden, daß Andersen vom mündlichen Erzählen kommt und sich häufig der Umgangssprache seiner Zeit bedient, die jedoch nicht schlankweg durch eine heutige deutsche Umgangssprache ersetzt werden kann. Auch sind Dialektanklänge nie direkt übersetzbar und lassen sich in der Zielsprache allenfalls behutsam andeuten. Eine theoretische Lösung weiß ich für diese Probleme nicht anzubieten, meine Übersetzungen sind ein praktischer Kompromiß, mit einer Sprachform, die einerseits moderner ist als die des Originals, andererseits auf heutige Leser älter wirkt, als Andersens Sprache für seine Zeitgenossen gewesen ist. Und in der Praxis hebt sich dieses Problem für mich auf, denn in der Endphase einer Übersetzungsarbeit habe ich nicht mehr das Empfinden eines Jahrhundertabstands, sondern das Gefühl, den Originaltext in gewisser Weise mit-zuleben, und lasse dieses Gefühl letztlich auch bei Wahl und Einsatz meiner eigenen sprachlich-stilistischen Mittel und Möglichkeiten entscheidend sein. Ich möchte das nicht als Intuition bezeichnen, obwohl man davon natürlich auch etwas braucht, sondern als eine im einzelnen mühsam erarbeitete Vertrautheit, die es einem schließlich erlaubt, dem Text in die Nähte und dem Autor auf die Finger zu sehen.

Auf die Finger wohlgemerkt, denn die Wirklichkeit dessen, was Andersen auf seinen Reisen gesehen hat, ist mir ja unbekannt. Doch auch dieses Problem hat mehrere Seiten, denn diese Wirklichkeit hat sich seit Andersens Reisen in einigen Bereichen erheblich verändert. Daß ich den Bahnhof von Magdeburg und die Strecke von Magdeburg nach Leipzig recht genau kenne, hat mir nicht im mindestens geholfen, als es darum ging, Andersens Empfindungen während der ersten Eisenbahnfahrt seines Lebens nachzuvollziehen. Nicht nur der Stand der Technik, auch Städtebilder, Umgangsformen, Mode, Bildungshorizont, politische wie ökonomische Strukturen haben sich gewandelt. Geblieben sind Landschaften - der Harz sieht noch ungefähr so aus wie bei Andersens Besuch, vom Waldsterben abgesehen - , Architektonisches und Eigenarten der Mentalität im weitesten Sinn.

Die Schwierigkeiten bei der Übersetzung von Andersens Reisebildern aus Spanien und Portugal waren erst einmal die gleichen wie bei seiner Reiseliteratur insgesamt: Andersen bedient sich keines einheitlichen Stils, sondern wechselt zwischen sachlichem Berichten, märchenhaft-phantastischer Überhöhung, emphatischer Gefühlsentladung und humorvoll-ironischem Plauderton. Daß er hier stärker noch als in anderen Werken intensive Erlebnisse in Verse umsetzte, war die größte sprachliche Schwierigkeit. Diese Verse waren getreulich nachzudichten, mit Reim und Metrum und mit dem Wissen, daß das deutsche Ergebnis die literarische Qualität des Originals kaum übersteigen würde. Andersen fehlte es an originellen lyrischen Bildern, und das hat er vielfach durch weitschweifige Wortklingelei zu verdecken gesucht. Man sollte schlechte Nachdichtungen jedoch nicht nur mit den Mängeln der Vorlage entschuldigen, denn die schimmern ja auch in einer guten Nachdichtung hindurch. Dennoch hat er in diesen Versen viel Persönliches, ja Privatestes ausgesprochen, mit dem behutsam umzugehen war und das nicht - auch nicht unfreiwillig - parodistisch ausgeliefert werden durfte. Insgesamt war die Übertragung von gut 600 Verszeilen das härteste Stück Arbeit bei diesem Reiseband, wobei ich aber auch Vorlieben hatte: volksliedhaft-schlichte Verse oder aber ironisch-humorvolle wie die über Cadiz und Madrid.

Meine unmittelbaren Vorbereitungen für dieses Reiseunternehmen waren den Andersenschen Vorbereitungen nicht ganz unähnlich, zumindest war ich in der glücklichen Lage, dafür einige jener Werke benutzen zu können, die auch Andersen vorgelegen haben. Hier waren am wichtigsten Friedrich Wilhelm Hackländers Reisebuch Ein Winter in Spanien aus dem Jahre 1855, das Andersen selbst als eine Quelle erwähnt und auch zitiert, dazu Herders Nachdichtung Der Cid (1805) und jene Romanzen, die er in seinen Stimmen der Völker in Liedern auf seine Weise wiedergegeben hat. Andersen ist selbst vom deutschen Original ausgegangen, und das wurde dann auch in der Übersetzung zitiert. Es bleibt dem deutschen Leser also vorenthalten, auf welche Art er Herder ins Dänische übertrug - ein unvermeidlicher Verlust. Überhaupt wurden bei der Wiedergabe von Zitaten nach Möglichkeit ältere deutsche Übersetzungen verwendet, so bei Tirso de Molina die von Ludwig Braunfels und bei Camões die von Kuhn und Winkler in der Bearbeitung von Rudolf von Belzig, und bei Bibelzitaten grundsätzlich Luther.

Ich hatte auch das Glück, daß mir sorgfältig kommentierte dänische Ausgaben zur Verfügung standen, und sowohl Hans Aage Paludan als auch Poul Høybye kannten sich in den bereisten Ländern und ihren Sprachen aus, besser als Andersen selbst, der kaum spanisch und überhaupt nicht portugiesisch sprach. Was seine Zitate betraf, die ja teilweise fehlerhaft sind, so habe ich zusätzlich eine Spanischlehrerin in Rostock konsultiert, die aber zu dieser Zeit Spanien auch noch nicht gesehen hatte. Daß ich anhand von Bildbänden - bei uns damals nicht eben zahlreich vorhanden - und Lexika versucht habe, mich über Spanien und Portugal im allgemeinen und maurische Architektur, Städtenamen, erwähnte Schriftsteller und deren Werke im besonderen, zu informieren, möchte ich eher als Trockenschwimmübungen bezeichnen, notwendig, aber gewiß nicht ausreichend und die eigene Anschauung nicht ersetzend.

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich den Schilderungen Andersens unmittelbar anzuvertrauen und die Frage, ob die Alhambra in Granada auf mich denselben Eindruck gemacht hätte, den sie vor gut hundert Jahren auf Andersen gemacht hat, gar nicht erst zu stellen. Ähnliches trifft für Andersens Naturschilderungen, seine Beobachtungen südlichen Lebens, des von ihm geliebten Menschengewimmels, der glutäugigen Spanierinnen zu. Auch in Spanien (mehr als in Portugal) entdeckt Andersen jene "Poesie des Alltags", die er in fast allen seinen Werken einzufangen bemüht war.

Ich weiß nicht, ob ich die entsprechenden Passagen anders übersetzt hätte, hätte ich eine direkte Beziehung zu den bereisten Ländern gehabt, und kann nur sagen, daß ich diese fehlende eigene Anschauung durchaus als einen Mangel empfinde und befürchte, daß er meinem Text anzumerken ist. Auch ein Übersetzer sollte, wenn irgend möglich, eigene Bilder verfügbar haben, um die Besonderheiten der Sehweise seines Autors im Vergleich damit besser erkennen und herausarbeiten zu können - ganz zu schweigen davon, daß sich auf diese Art sachliche Fehler besser vermeiden ließen. Nicht um mich zu entschuldigen, sondern um noch einmal auf die Spezifik von "Reiseliteratur" hinzuweisen, möchte ich in die andere Waageschale werfen, daß mir das reisende Subjekt (durch mehrjährige Beschäftigung) besser vertraut war und daß ich mich durch die Kenntnis Andersens, seiner Biographie und seiner Werke, für Herausgabe und Übersetzung auch seiner Reisebücher letztlich doch legitimiert gefühlt habe. Und schließlich ist es eine Frage, ob denn überhaupt ein Übersetzer in der Lage wäre, sämtliche Reisen und möglichst mit den gleichen Beförderungsmitteln nachzuvollziehen, die Andersen beschrieben hat.3

Anmerkungen

1. Geiger, Ludwig (Hg.): Goethes Briefwechsel mit Wilhelm v. Humboldt. Berlin 1909. tilbage

2. Baggesen, Jens: Das Labyrinth oder Reise durch Deutschland in die Schweitz 1789. Übersetzt von Gisela Perlet. Leipzig/Weimar 1985. 456 S. tilbage

3. Siehe auch Gisela Perlet: "Hans Christian Andersens Reisebücher bis zum Jahre 1851", Nordeuropa Studien, Nr. 19, Greifswald 1985, s. 41-47. tilbage


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Bibliografisk information om teksten:

Perlet, Gisela: "Praktische Probleme bei der Übersetzung von Hans Christian Andersens Reiseliteratur", pp. 254-61 i Johan de Mylius, Aage Jørgensen & Viggo Hjørnager Pedersen (red.): Andersen og Verden. Indlæg fra den første internationale H. C. Andersen-konference, 25.-31. august 1991. Udgivet af H. C. Andersen-Centret, Odense Universitet. Odense Universitetsforlag, Odense 1993.

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