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H. C. Andersen und Deutschland. Zur frühen Rezeption seiner Märchen

Der dänische Dichter ist uns wie kaum ein anderer aus seinen Tagebüchern,1 Almanachen2 und der für die Nachwelt "mit vergoldeter Feder"3 verfaßten Autobiographie Das Märchen meines Lebens (Leipzig 1847) bekannt. Wie seine dichtenden Zeitgenossen versuchte er sich in den verschiedensten literarischen Genres, stieß aber in seinem Heimatland bekanntlich erst auf Ablehnung, auch die seit 1835 erscheinenden "Eventyr" blieben zunächst ohne grössere Resonanz.4 Ganz anders dagegen die Aufnahmebereitschaft in Deutschland, später auch in Frankreich und England: Hier fanden Andersens Märchenadaptationen breiten Widerhall, und dies kam nicht von ungefähr.

Zur Märchenakzeptanz in Deutschland in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts

In allen drei Ländern waren Märchensammlungen auf ein interessiertes Publikum gestoßen, wenngleich in Deutschland erst seit dem 19. Jahrhundert. Hatten dort in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch die Übersetzungen französischer Feenmärchen dominiert, brachten die Verlage nunmehr unter dem Einfluß der Romantiker Wieland, Tieck, Hauff und Brentano deutsche Be- und Umarbeitungen sowie Neuschöpfungen von Märchen auf der Folie älterer Motive heraus.5 Dieser Trend verstärkte sich, nachdem Pädagogen das Märchen als nützliches Erziehungsinstrument für Kinder6 entdeckt hatten, das die zunächst pejorative Bewertung als Ammenmärchen vergessen ließ. Es waren nicht selten Schulmänner, Pfarrer oder Gelehrte, die Märchenausgaben zusammenstellten und Märchenstoffe kreierten. Ein typisches Beispiel für die Frühphase bildet Albert Ludwig Grimm mit seinen erfolgreichen, 1809 erstmals erschienenen Kindermährchen ebenso wie wenige Jahre später die Brüder Grimm mit ihren Kinder- und Hausmärchen (1812/ 1815, 1819 ff). Die spürbar werdende größere Akzeptanz von Märchen, überhaupt sogenannter Erzählungen aus dem Volk wie auch Sagen und Heldensagen, veranlaßte eine Reihe von Verlagen im ganzen deutschsprachigen Gebiet, Märchenausgaben zu veranstalten.7 Sie waren seit den 1820er Jahren auch häufig mit mehreren Illustrationen als Kaufanreiz ausgestattet, und dies gilt gleichermaßen für die seit Ende der 30er Jahre verstärkt auf den Markt kommenden, großzügig illustrierten Einzelausgaben, welche sich allerdings als Eindeutschungen populärer französischer Märchen ("Rotkäppchen", "Aschenputtel", "Däumling") erwiesen.8

Andersens Märchen in Deutschland (1839-60)

Andersens zunächst in Heftchen veröffentlichte "Eventyr", ausdrücklich "fortalte for Børn" - ab 1845 ließ er den Zusatz "für Kinder" weg, weil er die Idee seiner Märchen für alle Altersgruppen verstanden wissen wollte, und sprach von "Historier" (doch setzte sich dieser Terminus in den deutschen Ausgaben nicht durch, alle Texte wurden als "Märchen" bezeichnet) - kamen in deutscher Übersetzung 1839 im Braunschweiger Verlag Vieweg heraus, mit drei Kupfertafeln von Georg Osterwald (1803-84). Es war zugleich die erste Übersetzung von Andersens Märchen überhaupt, nachdem bereits 1835 der Erstlingsroman Improvisatoren, seine Harzreise (1835), der autobiographisch geprägte Roman O.T. (1837) und 1838 der Roman Nur ein Geiger! erschienen waren. Anders als die vielen Märchenpublikationen der damaligen Zeit bot Andersen eine völlig neue Form des Erzählens dar, indem er (1) sich als allwissenden Erzähler einbrachte, (2) das Handlungsgeschehen subjektiv bewertete, Figuren und Requisiten individuell beschrieb, (3) nicht selten "mit erhobenem Zeigefinger", aber nicht so aufdringlich, und mit einer gewissen Ironie. (4) war er darauf bedacht, die Märchen kindgerecht zu gestalten, was er dadurch erreichte, daß er Geschichten aus seiner (biedermeierlich geprägten) Umwelt erzählte, besonders die Tiere "weniger rationalistisch, dafür sentimentaler, zugleich bäuerlicher und bürgerlicher"9 schilderte und agieren ließ und Flora und Fauna beseelte (z.B. "Den lille Idas Blomster" = "Die Blumen der kleinen Ida"). All dies kam dem kindlichen Bedürfnis nach Allverbundenheit bzw. Universalismus entgegen. Von der stofflichen Seite betrachtet war es außerdem nicht unerheblich, daß die ersten von Andersen dargebotenen vier Märchen - wie auch spätere Märchen - z.T. in Deutschland (und Europa) bereits bekannt waren: Den Stoff von dem hilfreichen Zaubergegenstand ("Fyrtøjet" = "Das Feuerzeug") hatten bereits die Brüder Grimm nach älteren Motiven in ihrem Märchen "Das blaue Licht" (KHM 116, 1815: KHM 30) verarbeitet, "Lille Claus og Store Claus" ("Der kleine und der große Klaus") hängt mit der seit dem 11. Jahrhundert bekannten Thematik vom Unibos zusammen, der als armer, aber gewitzter Bauer sein Glück macht (vgl. KHM 61: "Das Bürle").10

Gleichwohl läßt sich zunächst eine öffentliche Resonanz auf die Märchensammlung nicht feststellen. Zwar hatte der dänische Dichter durch die Veröffentlichung von Gedichten schon einen gewissen Bekanntheitsgrad - zumindest in der literarischen Szene - erreicht, einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland wird er aber erst durch seine 33 Geschichten des Mondes bekannt, Anekdoten aus der jüngeren Geschichte ebenso wie Erzählungen aus fernen Ländern, die 1840 als Billedbog uden Billeder in Kopenhagen erschienen waren und seit 1841 als Bilderbuch ohne Bilder rasche Verbreitung fanden.

Obwohl sich eine positive Aufnahme Andersens aus zeitgenössischen Zeugnissen zunächst nicht ablesen läßt, gibt es doch immerhin indirekt Indizien, die für seine Wertschätzung sprechen: Denn im Unterschied zu seinen Dichterkollegen kamen Andersens Werke und insbesondere die Märchen nicht bei einem einzigen Verlag heraus, sondern nahezu parallel vor allem in mehreren Leipziger und Berliner Verlagen - und über Jahre hinweg - , mithin schien der Absatz vielversprechend zu sein. Allein zwischen 1841 und 1851 kommen mehrere Auflagen bei den Verlagen Besser (Berlin), Duncker (Berlin), Schultze (Berlin), Lorck (Leipzig), Reclam (Leipzig) und Wolff & Co. (Berlin) heraus.11 Leipzig und Berlin sind also für Andersen die Verlagszentren, und dieser Umstand verwundert auch nicht, da Andersen beide Städte in den zurückliegenden Jahren mehrfach besucht und dort mit führenden Geistesgrößen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zusammengetroffen war. Innerhalb der dichtenden Zunft war er zudem seit Jahren kein Unbekannter, nachdem er seit Beginn der 30er Jahre auf seinen zahlreichen Reisen die Bekanntschaft von Chamisso, Tieck, Heine u.a. gemacht und zu einflußreichen Adelskreisen und der Intelligenz Zugang gefunden hatte.12 Hinzu kommt, daß sich der dänische Dichter im Unterschied zu seinen deutschen Kollegen nicht zu schade war, seine Märchen vor Publikum vorzulesen, auch von seinen Reisen zu erzählen - und dies offenbar mit großem Erfolg, weil immer wieder in den Tagebüchern von dem großen Echo solcher Vortragsabende berichtet wird. Wegen einer gewiß vorhandenen Subjektivität sind jedoch bei der Einschätzung solcher Passagen Abstriche zu machen. Tatsächlich blieben die Lesungen nicht ohne öffentliches Echo und trugen dazu bei, Andersens Ruhm zu mehren. Typisch ist der Kunstgriff des Dichters, der unter dem Datum des 22.12.1845 Pressestimmen mit einer lobenden Bewertung seiner Märchen zitiert: "Gestern stand in der 'Frankfurter Zeitung' und im 'Correspondenten', daß ich in der zweiten Woche in Oldenburg [gewesen] sei und bei Hof und im privaten Kreis mit meinen köstlichen Märchen Freude bereitet habe."13 Der Herausgeber der Zeitschrift Europa, F. G. Kühne, bringt im Jahrgang 1847 eine größere Würdigung, aus der unter anderem hervorgeht, daß Andersen "in allen Schichten der Gesellschaft" "heimisch wird". Er ist nach Kühne "ein seltener Mensch, ein Mensch, der Kind geblieben ist, ein mitten in der Debatte der streitigen Welt harmlos gebliebener, von Leidenschaft nie getrübter Mann aus dem Monde reicht dir träumerisch Hand und Herz."14 Die Wirkung des Vorlesens beschreibt Kühne so: "den großen Kindern liest er mit der rührenden Unbeholfenheit seines Deutsch, mit der hinreißenden Herzlichkeit seines naiven Selbstgefühls seine Märchen vor" und folgert daraus: "Es ist nicht der Geist, was die Menschen gewinnt, sondern die Art, wie der Geist sich zugänglich macht. Wer ihnen die Wahrheit nackt zeigt, den scheuen und fliehen oder hassen und verfolgen sie. Zu einem Propheten in der Wüste würde heute niemand mehr pilgern. Wer aber in der Sophaecke sitzt und ihnen traulich die Geheimnisse des Himmels zu deuten weiß, dem lauschen sie von früh bis über Mitternacht hinaus. Muß das Genie wieder Kind werden und Kinder voraussetzen? Nur dann wenigstens hegt und pflegt es die Welt mit liebevollen Armen."15

Wie bekannt der Dichter Mitte der 40er Jahre in Deutschland gewesen sein muß, läßt sich indirekt - trotz fehlender Auflagenhöhen - aus den zahlreichen Veröffentlichungen ersehen, die als Neue Märchen, Ausgewählte Märchen, Historien, Sämmtliche Märchen oder innerhalb einer 25bändigen Gesamtausgabe (bei Lorck 1847-48) bei diversen Verlagen seit 1844 zu erscheinen beginnen, viele davon in mehreren Auflagen innerhalb weniger Jahre: ab 1844 bei Wolff (Berlin), 1845-47 bei Simion (Berlin), 1846 bei Vieweg (Braunschweig), 1850 bei Teubner (Leipzig), 1854 bei Wiedemann (Leipzig).16

Ein weiterer Anhaltspunkt für Andersens Popularität ergibt sich aus der Tatsache, daß berühmte Künstler die Illustratierung seiner Bücher übernehmen, und zwar nicht erst, nachdem er einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, sondern von Anbeginn an: Gewöhnlich wagten die Verlage sich an eine großzügigere Bebilderung erst dann heran, nachdem sich eine Märchenanthologie durchgesetzt oder sich bestimmte Märchen als beliebt erwiesen hatten. Ob die Verlage die Werbewirksamkeit illustrierter Märchenausgaben erkannt hatten - dafür sprechen die zur gleichen Zeit überall in Deutschland erschienenen Ausgaben und die Entstehung erster sogenannter "Prachtausgaben" - oder ob Andersen entsprechende Wünsche bei den Verlegern geäußert hat, wissen wir jedoch nicht. Außer dem bereits genannten Georg Osterwald sind als Illustratoren in der Frühphase zu nennen Ludwig Richter (1803-84), Theodor Hosemann (1807-75), Paul Thumann (1834-1908), Franz von Pocci (1807-76), Ludwig Löffler und als "Importe" Raymond de Baux oder besonders der Däne Vilhelm Pedersen (1820-59), dessen Originalzeichnungen Eduard Kretzschmar in Holzschnitte umsetzte.

Ein solches Echo binnen weniger Jahre erreicht keiner von Andersens Märchen-Konkurrenten,17 und damit schlägt der dänische Dichter nicht nur die Romantiker mit ihren vergleichbaren Kunstmärchen um Längen, sondern erweist sich noch erfolgreicher als die Brüder Grimm mit ihren Kinder- und Hausmärchen und Ludwig Bechstein, dessen Deutsches Märchenbuch seit 1845 herauskam. Daß etwa 1879 eine von Thumann, Hosemann, Graf Pocci, Oscar Pletsch und Richter illustrierte "Prachtausgabe" (Sämmtliche Märchen, Leipzig: Abel 1878) schon in 18. Auflage herauskommt, spricht für die anhaltende Beliebtheit Andersens in Deutschland ebenso wie eine von Pedersen/ Kretzschmar illustrierte Ausgabe in der 12. Auflage 1873 (Leipzig: Teubner).

Außerhalb der Andersen-Ausgaben finden einzelne Märchen Eingang in weitverbreitete Märchen-Anthologien, ohne daß in dieser Phase eine Dominanz bestimmter Märchen zu erkennen gewesen wäre. Dieser Prozeß setzt erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein. So bietet etwa Julius Hoffmann (1833-1904), der Verleger und Besitzer des K. Thienemann-Verlages, als ein "Festgeschenk für die deutsche Jugend", so der Untertitel, Märchen und Sagen von Grimm, Bechstein, Hauff, Andersen, Godin und anderen (Stuttgart 1879), oder in Der Kinder Wundergarten (Leipzig 1875) vereint Friedrich Hofmann Märchen aus aller Welt von Grimm, Bechstein, Andersen, Leander etc. Andersen-Märchen finden sich darüber hinaus als Wiederabdruck in der üppigen und weitverbreiteten Kalenderliteratur der damaligen Zeit, allerdings ohne Kommentierung und noch unzulänglich erforscht. Weitere Aufschlüsse über die Vermittlung der Märchen sind vermutlich im Zusammenhang mit der Geschichte einzelner Verlage zu gewinnen, wenn man bedenkt, daß der von Karl Steffens seit 1841 herausgegebene Volkskalender in Berlin etwa im Verlag Simion verlegt wird, der auch Märchen von Andersen in seinem Programm hatte. Dort sind dann Märchen von Andersen18 neben Beiträgen von Ernst Moritz Arndt, Ludwig Bechstein, Jeremias Gotthelf, Hermann Kletke und anderen abgedruckt. Oder der von Friedrich Wilhelm Gubitz seit 1835 in Berlin herausgegebene Deutsche Volkskalender bietet seinen Lesern seit 1842 hie und da ein Andersen-Märchen, meistens mit Illustrationen, etwa das Märchen "Wild erwachsene Rose" im Volkskalender für 1843, "Der Engel" (Erstveröffentlichung 1843) mit drei Abbildungen im Kalender für 1846 und "Natur und Selbstsucht" von F. Bertram - "Frei nach Andersen" - im Kalender für 1849.19

Andersen und die Vertreter des Volksmärchens

Während Andersen mit den deutschen Romantikern herzliche Kontakte pflegte, war er für die 'gelehrten' Märchensammler Grimm und Bechstein zunächst eine persona ignota. Warum er Jacob Grimm noch 1844 ein Unbekannter ist, wissen wir nicht. Ihm stattete Andersen einen Besuch ab und notierte über seine Begegnung, offenbar ein wenig enttäuscht: "Ohne Empfehlungsschreiben kam ich zu [J.] Grimm. Er kannte mich nicht, hatte noch nie meinen Namen gehört, wußte überhaupt nichts von mir!"20 Dies sollte sich jedoch rasch ändern, auch den Bruder Wilhelm lernte Andersen kennen, spätestens 1845 bei einem weiteren Besuch in Berlin. Erneut besuchte er dort auch Jacob Grimm und sprach mit ihm über Märchen.21 Außerdem waren die Brüder Grimm im Hause des preußischen Ministers Savigny Zeugen von einem der offenbar sehr beliebten Andersenschen Vortragsabende.22 Weder über den Inhalt der Gespräche mit den von Andersen verehrten Brüdern - er schenkte ihnen eine Ausgabe seiner Nye Eventyr (København 21847) mit der Widmung: "Tydsklands ædle Eventyr Digter Grim en venlig erindring om H. C. Andersen"23 - sind wir durch Andersen oder Aufzeichnungen der Brüder Grimm informiert, noch wissen wir etwas über deren Bewertung des dänischen Konkurrenten. Aber sie scheinen ihn nicht sonderlich wahrgenommen zu haben, da sie ihn auch später in dem wesentlich überarbeiteten Anmerkungsband zu den KHM (31856) nur marginal erwähnen: Ohne Kommentar führen sie sein Märchen "Das Feuerzeug" als dänische Variante zu KHM 116: "Das blaue Licht" auf, und den "Kleinen und den großen Klaus" nennen sie bei KHM 61: "Das Bürle". Ein 1843 in der 5. Großen Auflage auf Vermittlung des Grimm-Bruders Herman veröffentlichtes Märchen "Die Erbsenprobe" schieden sie bei der nächsten Auflage gar wieder aus, denn es wies ihnen zu viel Ähnlichkeit mit dem Andersen-Märchen "Prindsessen paa Ærten" auf. Die bloße Vermutung, daß es "wahrscheinlich aus Andersen (S. 42) stammt"24 und somit ein "Kunstmärchen" sein könnte, war also Grund genug, das Märchen wieder zu eliminieren, während für andere (und beliebte) Märchen, die nachweislich auf Perrault-Märchen zurückgingen (z.B. "Rotkäppchen", "Aschenputtel"), dieses - fragwürdige - Ausscheidungskriterium keine Anwendung fand.

Der zweite große Märchenmatador jener Jahre, dessen Erfolg als Märchensammler jedoch erst Mitte der 40er Jahre mit der Herausgabe des Deutschen Märchenbuchs begann, war der Bibliothekar und Sagenspezialist Ludwig Bechstein. Er schaffte innerhalb von acht Jahren zwischen 1845 und 1853 allein 11 Auflagen, und das Vorwort der 1853 erschienenen 12. und von Ludwig Richter üppig illustrierten Ausgabe geht wesentlich intensiver als das bis dahin unverändert abgedruckte Vorwort von 1845 mit den Konkurrenzsammlungen ins Gericht. Hatten andere Sammler ihre Bewertungen bislang zumeist nicht öffentlich vorgebracht, so scheute Bechstein nicht vor Kritik zurück, in die er Andersen als Prototyp einer neuen und ungewöhnlichen Art des Märchenerzählens einbezieht. Während Musäus, Tieck, Friedrich von der Hagen, Ernst Meier mit anerkennenden Worten bedacht, die KHM der Brüder Grimm überschwenglich gelobt werden, steht Andersen nach Bechstein für eine bedenkliche Wende des Märchenerzählens: "Während viele der neuern Märchenerzähler dieses Gebiet mit wissenschaftlichem Ernst und gewissenhafter Strenge anbauen, gehen manche Dichter, wie unter andern der Däne Andersen, einen bedenklichen Schritt weiter. Das ächte Märchen läßt allerdings auch Thiere reden, selbst Elemente, Sonne, Mond und Sterne - jene lassen aber sogar - oft nicht ohne Geschick und sehr ergötzlich - das unbelebte Werk der Menschenhand sprechen, den Spucknapf, den Besen, den Stiefelknecht, die Kaffeemühle u.s.w. - damit aber überschreiten sie des Märchenlandes Grenzen, und was sie dann noch Märchen nennen, ist keines mehr, ist Fabel."25 Im wesentlichen betrifft seine Kritik also die fehlende Wissenschaftlichkeit, die er für sich und andere in Anspruch nimmt, und die neue Form des Wunderbaren, die auch Gegenstände sprechen läßt. Trotz aller Kritik vermag er aber auch nicht, seine Anerkennung von dem "Geschick" des Dichters zu verhehlen. So treffend Bechstein das Moment der Beseelung als neues Stilelement hervorhob, so wenig überzeugend klingen seine Warnungen vor der fehlenden Wissenschaftlichkeit und der vermeintlich fehlenden "Ächtheit", schließlich hatte er nichts anderes gemacht als Andersen und auch die Brüder Grimm, indem sie dank ihrer Belesenheit älter umlaufende Motive und Stoffe zu einem neuen Ganzen zusammenfügten und kunstgerecht einem nach Mythos und Mündlichkeit gierenden Publikum als Volksmärchen verkauften. Daß Bechsteins Verdikte ohne Wirkung blieben, ist hinlänglich bekannt: Schließlich läßt sich aus den Buchstatistiken und Befragungen ablesen, daß Andersen bis heute und heute noch erfolgreicher als Bechstein bei großen und kleinen Märchenfreunden ist.26

Anmerkungen

1. H. C. Andersens Dagbøger, 1825-1875. Bd. 1-12. København 1971-77; vgl. Auszüge übersetzt von H. Barüske: Aus Andersens Tagebüchern. Bd. 1-2. Frankfurt a.M. 1980. tilbage

2. H. C. Andersens Almanakker 1833-1873. Ed. H. Vang Lauridsen/K. Weber. København 1990. tilbage

3. Nachwort von H. Göbels zum Nachdruck der Sämmtlichen Märchen von H. C. Andersen (2. verm. Ausg. 1850): Dortmund 21983, [S. 561]. tilbage

4. Zum geistesgeschichtlichen Hintergrund und den Zusammenhängen zwischen Mythos und Märchen vgl. Ivy York Möller-Christensen, in: Den danske eventyrtradition 1800-1870. Harmoni, splittelse og erkendelse. Odense 1988. tilbage

5. Vgl. Klotz, V.: Das europäische Kunstmärchen. Stuttgart 1985. tilbage

6. Vgl. Pape, W.: Das literarische Kinderbuch. Berlin/New York 1981, bes. S. 99-111; Richter, D.: Das fremde Kind. Zur Entstehung der Kindheitsbilder des bürgerlichen Zeitalters. Frankfurt a.M. 1987. tilbage

7. Vgl. die z.T. fehlerhafte Bibliographie bei Fontaine, C.-M.: Das romantische Märchen. München 1985, S. 148-278. tilbage

8. Uther, H.-J.: Illustration. In: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 7,1. Berlin/New York 1991, S. 45-82. tilbage

9. Röhrich, L.: Tiererzählungen und ihr Menschenbild. In: The Telling of Stories. Approaches to a Traditional Craft. Ed. M. Nøjgaard u.a. Odense 1990, S. 13-33, hier S. 31; vgl. ferner Pulmer, K.: Vom Märchenglück zum Bürgeridyll. Zu H. C. Andersens Volksmärchenbearbeitungen. In: Skandinavistik 10 (1980) S. 104-17. tilbage

10. Vgl. Holbek, B.: Hans Christian Andersen's Use of Folktales. The Telling of Stories. Approaches to a Traditional Craft, S. 165-82; Brostrøm, T.: Hans Christian Andersen und die literarische Märchentradition. Ebda., S. 183-92; Kofod, E. M. (ed.): De vilde svaner og andre folkeeventyr. København 1989, bes. S. 11-60. tilbage

11. Vgl. Klotz, A.: Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland 1840-1950. Bd. 1. Stuttgart 1990, Nr. 111/5, 111/9, 111/22, 111/26, 111/28, 111/36; ca. 70 Andersen-Titel weist A. Estermann (Die deutsche Literatur zwischen 1815-1850. Bd. 1-11. Nendeln 1978-91) nach. tilbage

12. Vgl. H. C. Andersens Almanakker 1833-1873 (wie not. 2). tilbage

13. Andersen/Barüske (wie not. 1), S. 446. tilbage

14. Europa. Jg. 1847, S. 340-43, hier S. 340. tilbage

15. Ebda. tilbage

16. Klotz (wie not. 11), Nr. 111 ff. tilbage

17. Siehe auch Schmitz' Artikel "Andersen in Deutschland", in: Handwörterbuch des deutschen Märchens. Bd. 1. Berlin/Leipzig 1930-33, S. 67-73; Dyhrenfurt, I.: Geschichte des deutschen Jugendbuches. Zürich/Frankfurt 31967, S. 106; Müller, H.: "Andersen, Hans Christian", in: Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur. Bd. 1. Weinheim/Basel 1975, S. 35-38. tilbage

18. Vgl. die Bestände im Museum für Volkskunde, Berlin (Sign. 47 B 11); Verf. dankt für freundlich gewährte Einsichtnahme. tilbage

19. Vgl. Bestände, ebda. (Sign. 47 B 79). tilbage

20. Andersen/Barüske (wie not. 1), S. 419. tilbage

21. Ebda., S. 447. tilbage

22. Ebda., S. 450. tilbage

23. Die Bibliothek der Brüder Grimm. Annotiertes Verzeichnis des festgestellten Bestandes. Erarbeitet von L. Denecke/Irmgard Teitge. Stuttgart 1989, Nr. 3982. tilbage

24. Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm. 3. Bd. Göttingen 31856, S. 254. tilbage

25. Ludwig Bechstein's Märchenbuch. Leipzig 121853, S. XI f. tilbage

26. Siehe auch Möller-Christensen, Ivy York: Den gyldne trekant. H. C. Andersens gennembrud i Tyskland 1831-1850. Odense 1992. tilbage


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Bibliografisk information om teksten:

Uther, Hans-Jörg: "H. C. Andersen und Deutschland. Zur frühen Rezeption seiner Märchen", pp. 367-75 i Johan de Mylius, Aage Jørgensen & Viggo Hjørnager Pedersen (red.): Andersen og Verden. Indlæg fra den første internationale H. C. Andersen-konference, 25.-31. august 1991. Udgivet af H. C. Andersen-Centret, Odense Universitet. Odense Universitetsforlag, Odense 1993. - Genoptrykt i: Volkachter Bote (2005), 83, 14-17.

(Bibliografisk kilde: HCAH)


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